Askan Fiete Sturmlicht

Aus Zwiegelichter
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fiete.jpg
Fiete2.jpg


Erkenntniß


Wenn mir's oft wie kalter Wahnsinn
Durch das öde Denken rinnt,
Wenn die Seele, Hilfe suchend,
Das Unmögliche ersinnt;

Wenn aus abgrundtiefen Schmerzen
Sie empor zum Himmel schreit:
Fühl ich ganz und voll den Fluch erst,
Der da heißt »Vergangenheit.«

(Ada Christen)



Name:
Askan Fiete Sturmlicht
Alias:
Fiete
Geburtstag:
-
Herkunft:
Herzogtum Schwarzwasser, Siebenwacht
Alter:
Ende 20
Größe:
162 HF
Statur:
durchschnittlich
Haarfarbe:
weizenblond
Augenfarbe:
dunkelgrau
Familienstand:
verlobt
Kinder:
unbekannt
Geschwister:
6 Geschwister, unbekannt
Eltern:
unbekannt
Profession:
Kurier/Bote
Besondere Merkmale:
-

Inhaltsverzeichnis


Freiheit

Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit,

und das Geheimnis der Freihet ist der Mut.

(Perikles (um 500-429 v.Chr.), athenischer Politiker und Feldherr)



Rückblende


Rückblende - Siebenwacht


Rückblende – Siebenwacht

Siebenwacht, du Perle des Herzogtums Schwarzwasser. Prachtvoller Kriegs- und Handelshafen. Siebenwacht, du Geschwür am Arsch der Armen. Siebenwacht war durchaus schön anzusehen. Der große, geschäftige Hafen, die verschiedenen Viertel, die getünchten Fassaden und hübschen Giebel der Häuser. Zumindest war es schön anzusehen, solang man die Augen vor dem Armenviertel verschloss, das Rattennest. Eigentlich heißt es nicht wirklich so, aber der Volksmund der Stadt hatte es so getauft und etabliert, denn nichts anderes war es. Hier hauste die unterste Schicht, teils im Verborgenen, teils offen, und nicht selten wurde das örtliche Regiment oder auch mal die hiesigen Söldner hinein geschickt, um mal wieder für Zucht und Ordnung zu sorgen – mit geringem Erfolg.
Irgendwo mussten schließlich auch die wenig betuchten Menschen leben, und das war nun einmal im Rattennest.

Der Mensch wäre nicht der Mensch, wenn es nicht auch irgendwelche findigen Geister dort gäbe, die sogar aus dem Elend noch die letzte Münze herausschröpften und sich damit eine goldene Nase verdienten. Solche waren „Onkel“ Ed und „Tante“ Sanna. Sie besaßen im Rattennest ein sehr ansehnliches Anwesen. Nicht, dass das Ding wirklich hübsch anzusehen war, was die beiden Haus nannten, es war ein verlotterter Kasten, der dringend einiger Reparaturen und Pflege bedurfte. Aber es war groß. Das Grundstück war groß und die Bruchbude war groß. Groß genug, um einen Haufen verlotterter Bälger und Großgewordene unterzubringen, die nichts anderes zu tun hatten, als Gold für die zwei heranzuschaffen.
Dazu war ihnen jedes Mittel Recht, sowohl die Mittel der Goldbeschaffung, als auch die Mittel sich zu vergrößern, Angst zu schüren, zu unterdrücken und dafür zu sorgen, dass es niemand wagte auch nur einen Pieps an Widerspruch von sich zu geben, oder gar zu rebellieren.
Wer widersprach, rebellierte oder ausreißen wollte, verschwand. Spurlos. Niemand wusste, wohin oder was genau geschah. Die, die es wagten, wurden nicht mehr gesehen, kaum dass es rauskam, was sie vorhatten, oder das Widerwort gefallen war.
Die Geschäfte, die Onkelchen und Tantchen betrieben, waren restlos alle, die im zwielichtigen Bereich machbar waren: Der Verkauf von Drogen, käufliche Lust, Einbrüche und Taschendieberei, Informationsbeschaffung und –verkauf, und so weiter und so fort. Für alle hatte er eine Motivation parat: Essen. Gutes Essen.
Onkelchen und Tantchen schrieben sich für die breite Öffentlichkeit auf die Fahne, sich um Waisen und Gossenkinder zu kümmern. Der Klassiker. Dabei war festzuhalten, dass sie selbige tatsächlich mit Speisen und Unterbringung anlockten, sie aber auch genauso kauften, ob von korrupten Kinderfängern, oder gar von den Eltern der Kinder, die sonst keinen Ausweg mehr für sich und die weitere Brut sahen. An Kinder zu kommen, die keiner wollte, war keine große Kunst. Sie zogen sie sogar groß, allerdings nicht wie zartfühlende Eltern. Natürlich hatten sie dabei auch Hilfe. Die Kinder, die inzwischen groß und erwachsen geworden waren, die hier aufgewachsen waren und überlebt hatten. Die Kinder, die nun Schläger waren, oder aber die entsprechenden Sparten führten, unter denen die Bälger ihr Handwerk verrichten lernten oder gar schon nachgingen.
Die Motivation an sich: Wer das meiste Gold am Tag heimbrachte, bekam das beste Essen, nämlich das, was es bei Tantchen und Onkelchen am Tisch gab, durfte eine Nacht in einem piekfeinen Bett verbringen, baden, und alle Freuden genießen, nach dem der Sinn stand. Einen Tag lang. Oder so lang, bis der nächste besser war. Die Rivalität dahingehend war enorm, denn wer nicht ablieferte, schlief irgendwo, wo Platz war. Der ganze Boden war voller dreckiger, stinkender Leiber in der Nacht, keine Decken, kein Stroh, nichts unter sich, außer den blanken Dielenbrettern. Die Mahlzeit belief sich auf einen Napf Hafergrütze für den ganzen Tag. Wer Glück hatte, bekam noch altes Brot dazu.

Nun, dort verbrachte ich nicht nur die meiste Zeit meiner Kindheit, sondern auch die meisten Jahre meines Lebens, bis es mich nach Gerimor verschlug. Genau genommen lebte ich also, fast so lange dort, wie ich denken konnte. Nicht, weil es mir sonderlich gefiel, aber ich hätte es auch schlechter treffen können.
Onkel und Tante fanden sehr schnell heraus, wozu ich taugte, und wie ausbaufähig das war. Also verbrachte ich als kleiner Stöpsel die Tage damit Flüsterbotschaften zu verteilen an ein ganzes Netz an kleinen Spitzeln, kaum dass ich alt genug dafür war. Danach ging es weiter, selbst die Augen und Ohren offen zu halten und wirklich alles bei den beiden vorzutragen. Mit der Zeit wurden die Vorträge selektiver, denn jedes Kind fand schnell heraus, worauf es ankam, wenn es dafür eingesetzt wurde. Wer es nicht hinbekam, bezog Prügel über Prügel. Tja, und irgendwann schickte er mich zur feineren Gesellschaft. Nicht, dass es sich hierbei um die ganz hohen Tiere handelte, auch wenn ich die viel später auch hier und dort zu Gesicht bekam. Zu Anfang waren es einfach nur die etwas besser betuchten, denen nach ein wenig Nestwärme der Sinn stand, oder nach Plauderei mit jemandem, den sie für ungefährlich hielten.
Mit der Zeit fand ich mich auch dort zurecht, mittlerweile schon innerlich in viele Stimmen, Hüte und Gesichter zerbrochen, die alle nur dazu dienten, mich selbst zu schützen. Es war verlockend, diese Tätigkeit. Es versprach all das, was die Motivation der zwei ausmachte, und noch viel mehr. Stets hatte ich die Hoffnung über diesen Weg aus allem herauszukommen und entfliehen zu können. Ich nährte diese Hoffnung, inständig und fortwährend. Aber es sollten Jahre vergehen, bis sich mir ein Ausweg zeigte.


Rückblende - Ein ganz normaler Tag


Rückblende - Ein ganz normaler Tag

Ich war gerade etwa zehn Jahre alt, noch als kleiner Botenbengel unterwegs für Onkel Ed und Tante Shianna. Ein solcher Tag fing meist schon vor dem Sonnenaufgang an, endete für gewöhnlich erst spät in der Nacht. Viel Schlaf gab es also nicht für mich in dieser Zeit.
Die Flitzertätigkeit hatte ich schon mit sechs Jahren angefangen auszuführen. Ungesehen vom Nest zum Empfänger laufen, so schnell wie möglich. Keine Umwege. Keine Bummelei. Der Alte konnte unangenehm werden, wenn es raus kam. Beim ersten Mal dachte ich noch, ich könnte ein paar Stündchen der Freiheit genießen. Die Tracht Prügel die ich danach bezog, sollte ich meinen Lebtag nicht mehr vergessen – und sie wiederholte sich auch nicht noch einmal, zumindest nicht für diese Art von Versäumnis.

Zwei Jahre später brachte mir einer der älteren Jungs bei, wie ich Nachrichten mit Wachsiegel öffnen und wieder verschließen konnte, ohne Spuren zu hinterlassen. Lesen lernte ich von einem Mädchen in meinem Alter, die aus gutem Hause stammte, aber ihre Eltern verloren hatte und danach unfreiwillig bei uns gelandet war. Sie hatte es unsäglich schwer bei uns, aber tat ihr bestes um zu überleben. Was blieb ihr auch anderes übrig? Ich versuchte ihr zu helfen, so gut wie es halt eben ging, ohne dass es auffiel. Sie war ein hübsches Ding unter all dem Dreck im Gesicht, weinte viel in der Anfangszeit, aber irgendwann veränderte auch sie sich, wie wir alle. Onkelchen und Tantchen wussten, wie sie kleine Kinderseelen brechen und für sich missbrauchen konnten.

Seit dem Tag las ich jede Nachricht, die ich vom Nest fort- oder dorthin zurückbrachte. Ich lernte schnell, dass Wissen Macht bedeutete. Es brauchte auch schon einem kleinen Rotzlöffel wie mir zuweilen ein paar Vorteile ein, sofern ich mich denn traute das Wissen für mich zu nutzen.
Natürlich bedurfte das Öffnen und Lesen etwas Zeit, vor allem das Lesen, da ich darin nur mäßig gut war. Erwischt wurde ich dennoch nicht. So auch nicht an diesem Tag. Ich hielt ein geöffnetes Pergament in den Händen, das an einen Mann der höheren Gesellschaftsschicht gerichtet war. Was ich da las, versprach ein lukratives Geschäft für mich zu werden, wenn ich mich denn nur traute. Und es sollte mich zu einem späteren Zeitpunkt dazu bringen, all meinen Mut zusammen zu nehmen, um das erste Mal etwas für mich einzufordern. Mit aller Sorgfalt versetzte ich das Dokument in seinen Ursprung zurück und flitzte die Straßen Siebenwachts entlang, huschte durch die schmaleren Gassen, hetzte um einige der Ecken und stieg über Bretterverschläge hinweg, um den Weg abzukürzen.
Als ich mein Ziel erreichte, klopfte ich an einer Hintertüre an. Wie stets. Vordereingänge waren verboten, auf das Strengste, denn wenn ein zerlumpter Rotzlöffel dort stünde und gesehen würde, führte das zu Gerede. Sowas hatten die hohen Herrschaften gar nicht gerne. Auch eine der harten Lektionen, die mit einer Tracht Prügel einhergegangen war, um sie einzubläuen. Was bei den Prügeln aber irgendwann auffiel, war der Umstand, dass der Onkel Wert darauf legte, dass man sie nicht sehen konnte. Warum, wusste ich nicht. Aber das sollte ich vier Jahres später etwa erfahren.
Ein großer hagerer Mann öffnete die Tür und warf mir einen geringschätzigen Blick zu, in dem ich viel Abscheu wiederfand. An solche Blicke hatte ich mich inzwischen gewöhnt. „Eine Nachricht für den Meister“, erklärte ich mit möglichst fester Stimme. Der Diener, denn mehr war dieser Mann nicht, trat auf Seite und ließ mich ein. Er wusste, dass das Dokument nur für seinen Herrn bestimmt war und er es nicht in die Finger bekommen würde. Er führte mich in einen der hinteren Räume und hieß mich dort zu warten. Es verging eine kleine Weile, die mich schon begann nervös werden zu lassen, als die Türe sich wieder öffnete und der Meister eintrat. Ein fetter Kerl, der eindeutig zu wenig Bewegung bekam, aber dafür zu viel zu essen. Ich konnte wohl mit Fug und Recht behaupten, dass wir einander keine Zuneigung entgegen brachten.
„Rück schon raus, du verlauster Bengel!“ Mit seinen wurstigen Fingern wollte er nach dem Brief in meiner Hand schnappen, ich wand mich allerdings flink aus seiner Reichweite heraus.
„Kostet extra. Schweigegold. Vorher kriegst gar nix.“ Ich konnte förmlich zusehen wie dem Fettwanst die Augen rausquollen bei meinen Worten. „Und wenn de mich verpfeifst, dann hast auch gelitten. Mach dir keine Hoffnung!“ setzte ich hinzu. „Dann is‘ die Rübe ab. Kannste mal sicher sein!“

Ich verließ das Haus wenig später mit deutlich mehr Münzen, als der Botendienst mir eingebracht hätte. Den Zusatzverdienst musste ich allerdings rasch loswerden. Also sah ich zu, dass ich auf dem Rückweg einen kleinen Haken schlug zu meinem persönlichen kleinen Versteck, wo ich die Münzen deponierte, wie schon so einige zuvor auch. Wer wusste, wann ich es mal brauchen würde.

Kaum im Nest angekommen, händigte ich den Verdienst aus, vollständig. Der Alte wusste genau, was ich dafür bekam. Fehlte etwas, gab es wieder eine Tracht Prügel. Eine weitere Lektion.
„Bring mir das Fälschen bei“, forderte ich, nachdem ich all meinen Mut zusammen genommen hatte, um überhaupt etwas zu sagen. Es waren keine Widerworte. Es war Lernwille. Ich spürte seinen stechenden Blick auf mir, als er mich anstarrte. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, und erwartete schon, dass er unerbittlich zuschlug, aber zu meiner Überraschung zeigte er sein sehr seltenes, falsches Lächeln.
„Darrell! Bring Fiete das Fälschen bei. Fang direkt an“, bellte er einem der Erwachsenen zu, die sich in der Nähe aufhielten, und sich durch einen unsortierten Haufen Pergamente arbeiteten. Ganz wie es Ed gewohnt war, erfuhr er keine Widerworte. Der Haufen wurde zurückgelassen, ich am Nacken gepackt und mitgezerrt in einen Nachbarraum, in dem es verhältnismäßig ruhig war für das Gewusel, was ständig im Haus herrschte. Und so begann mein Unterricht in der Dokumentenfälscherei, die auch das Fälschen von etwaigen Siegeln einschloss. Mit diesen Unterweisungen kehrten auch die Prügel wieder ein, die ich bezog, wenn ich etwas falsch machte. Also bemühte ich mich schnell zu lernen, sehr schnell.