Dazen Wolfseiche

Aus Zwiegelichter
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Den wird man für erlaucht erkennen,

Der von dem Recht erleuchtet ist,
Den wird man einen Ritter,
Der nie sein Ritterwort vergißt,
Den Geistlichen wird man verehren,
In dem sich regt der freie Geist,
Der wird als Bürger sich bewähren,
Der seine Burg zu schirmen weißt.

(Ludwig Uhland)



Name:
Dazen Wolfseiche
Alias:
-
Titel:
Ritter Alatars
Geburtstag:
-
Alter:
Mitte 20
Größe:
182 HF
Statur:
trainiert
Haarfarbe:
dunkelbraun
Augenfarbe:
blaugrau
Familienstand:
Im Bund mit Fann Wolfseiche
Kinder:
-
Geschwister:
Garvin Wolfseiche
Eltern:
Aalya Falon und Kaladin Wolfseiche (Ziehvater) / Arenvir von Goldenfall (Erzeuger)
Cousine:
Caerya Fakib
Profession:
Ritter Alatars
Besondere Merkmale:
Lange Narbe auf der Brust, Striemen auf dem Rücken, dunkles Mal der Praetorianer Alatars

auf der rechten Schulter.


Stammbäume


Aller Anfang ist schwer

Schattentanz der Nacht.

Im Traum erblüht die Seele
zur Vollkommenheit.

(Helga Schäferling (*1957), deutsche Sozialpädagogin)



Buch 1


Prolog

Das Gebrüll zweier Jungen hallte über den ganzen Hof hinweg, durchbrochen von Aufkreischen und Gelächter. Nur Augenblicke später schoss der erste Bengel um die Ecke, dicht gefolgt vom zweiten, der in seiner Hand ein hölzernes Schwert hielt. Im Grunde war das Schwert nichts anderes als zwei Äste, die notdürftig zu einem Kreuz zusammengebunden waren. Aber für den Burschen war es genau das, was es sein sollte: Ein mächtiges Schwert.
Dieses mächtige Schwert diente gerade dazu den jüngeren Bruder quer über den Hof zu scheuchen, um zu beweisen wer sowohl der Ältere, als auch der Stärkere war, sehr zum Missfallen des Hausherren, der sich beide, einen nach den anderen geschickt schnappte, direkt am Ohr und diese auch mächtig langzog.
„Was treibt ihr hier schon wieder für einen Unsinn! Schluss jetzt damit!“
Das Gebrüll schlug um in ein kurzes Aufschreien vor Schreck und danach folgte schlagartig Stille, denn beide wussten sehr genau, wer jetzt noch mit einem Wort aufmuckte, steckte garantiert noch eine Tracht Prügel ein.
Der Zug am Ohr ließ nach einer gefühlten Unendlichkeit nach, der strenge Blick des Vaters allerdings überhaupt nicht.
Beide sahen sie aus wie die Dreckspatzen, wobei es um den Jüngeren deutlich schlimmer bestellt stand. Natürlich wusste der alte Herr sehr genau, woran das lag. „Geh dich waschen und umziehen, Garvin. Wir gehen gleich zur Dorfkapelle zur Messe“, scheuchte er den Jüngeren fort. Als der Ältere schon hinterher ziehen wollte, pfiff er selbigen direkt zurück. „Hier geblieben, Dazen.“
In leicht geduckter Haltung schlich der Bursche zurück, bis er direkt vor dem kräftigen Bauern stand. Es brauchte keine zwei Herzschläge, da hatte er eine solch schallende Ohrfeige sitzen, dass er sich auf dem dreckigen Boden wiederfand. „Umziehen, waschen. Du hast keine viertel Stundenkerze, Bürschchen. Deine Strafe teile ich dir später mit.“
Zügig rappelte sich der Junge auf, starrte seinen Vater einige Momente lang trotzig an, dann gab er Fersengeld, um den Anweisungen Folge zu leisten. Besser war es, denn er wusste, was ihm sonst blühte, und wenn er eines nicht wollte, dann die Messe verpassen und die Gerte spüren.

Die beiden Burschen waren nur ein paar Jahre auseinander und im Grunde auch nur daran auf den ersten Blick auseinander zu halten. Ihre Mutter konnte sie mit nichts verleugnen. Vom Vater allerdings fand man allenfalls ein paar kleinere Hinweise nur beim Jüngeren. So sehr die zwei sich gelegentlich gegenseitig versohlten, so eisern hielten sie zusammen, wenn jemand von außerhalb versuchte sich zwischen sie zu stellen, oder der Jüngere mal wieder angegangen wurde. Dann kam zumeist der große Bruder und verpasste denen eine blutige Nase, die sich allzu viel mit dem Kleinen erlaubten.
So kam es nicht selten vor, dass der Ältere schon mal sehr zerschunden heim kehrte, die Kleider zerrissen, die Knie blutig, die Arme verschrammt, ein Auge blau, die Nase blutig, alles was man sich so vorstellen konnte, nach einer zünftigen Prügelei unter Jungs.
Die Folge daraus war zumeist noch mehr Prügel mit der Gerte zuhause, weil die Kleider kaputt waren und er sich wieder einmal gerauft hatte, statt seiner Aufgabe im Dorf nachzukommen. Der Jüngere kam oftmals so davon, ob er nun der Auslöser des Ganzen war, oder nicht, zumal der Große dazu in der Regel auch schwieg und alles auf sich lud.

So saßen die Burschen also wenig später in der Messe, ziemlich weit hinten, wie die meisten Kinder des Dorfes, und tuschelten leise miteinander. Die Aufregung schwang greifbar darin mit, denn die Strafe, die folgte, konnten sie sich beide nur zu gut ausmalen. Keine rosigen Aussichten, die da auf den Älteren warteten.
„Nun lass gut sein, Garvin. Ist halt wie es ist“, raunte Dazen gerade, als er von hinten wieder eine saftige Schelle kassierte. Der Templer hatte die Unruhe mitbekommen und war während der Predigt nach hinten gegangen, hatte den Jungen noch genug Zeit gegeben, das Gerede einzustellen, doch als dies nicht geschah, setzte es eben eine Ohrfeige für beide in diesem Fall.
Sowohl Dazen, als auch Garvin rieben sich die Ohren und hielten die Köpfe eingezogen, muckten aber nicht auf. So war das eben. Wer sich nicht benahm, bezog Schellen. Und den Rest der Messe verfolgten beide damit auch eifrig und ohne weitere Störung.
Kurz gesagt: Meran hatte es hier mit zwei waschechten Lausbuben zu tun. Und es sollte für das Dörfchen nicht besser werden, je älter sie wurden, wobei das sicherlich mehr dem Älteren geschuldet war, denn dem Jüngeren.


Kapitel 1

„Bringst du mir das Kämpfen bei?“ fragte Dazen den Alten. Er war mal wieder in Meran unterwegs, Besorgungen für den Hof machen. Der Alte war ein Veteran, der sich aus den steten Kriegswirrungen zurückgezogen hatte und nun seine Zeit damit vertrieb den Jüngeren etwas beizubringen. Er saß vor seinem Haus auf der Bank und pflegte gerade sein Schwert.
Dazen, inzwischen gut sieben Jahre alt, zeigte ein reges Interesse an der Waffe, ebenso daran zu lernen, wie man sie bändigte und für sich nutzte. Und so verging kaum ein Tag, an dem er den Alten nicht mit Fragen löcherte oder bedrängte ihm etwas beizubringen, wenn die Einkaufsliste der Eltern oder die Markttage ihn ins Dorf führten.
„Was sagen denn deine Eltern dazu?“ lautete die Gegenfrage.
„Ist doch egal? Die Gebote sagen, dass wir uns im Kampf zu schulen haben! Und Alatar hat mehr zu sagen, als meine Eltern!“ – „Klugscheißer“, brummte der Alte belustigt. „Ich werde mit ihnen reden, dann sehen wir weiter, Kleiner.“
Mit einer Schmollschnute verzog der Junge sich und ging dann zum Krämerladen, um die Einkaufsliste dort auf die Theke zu legen. Der Korb wurde direkt daneben abgestellt und den Rest überließ er dem Krämerpaar. Wie die meisten Jungs hatte er den Kopf mit anderen Dingen voll, als lesen, schreiben und rechnen zu lernen und frönte dahingehend schwer der Faulheit, sehr zum Leidwesen seiner Eltern. Als die Krämer fertig waren mit dem Teil der Liste, den er von hier mitbringen sollte, zahlte er artig und zog dann weiter zum Kräuterlädchen.
„Soll von Mutter ausrichten, sie hat neue Kräuter für dich!“ erklärte er direkt gewichtig, kaum, dass er die schwere Ladentüre aufgedrückt hatte.
„Seinen Segen, junger Mann“, wurde der Gruß extra betont ausgesprochen. „Das freut mich sehr zu hören. Dann richte ihr doch bitte aus, dass ich in zwei Tagen bei euch vorbei sehen werde, und zwar am späten Nachmittag.“ – „Seinen Segen“, erwiderte er leiernd und kindlich trotzig genervt. „Richte ich aus.“ Und schon war er wieder zur Tür hinaus. Das Kopfschütteln der Kräuterfrau bekam er gar nicht mehr mit.
So setzte er die Runde durch das Dorf fort, verhielt am Ende bei den anderen Dorfjungen, die gerade mit Murmeln knickerten. Nicht, dass er die Erlaubnis dazu gehabt hätte zu trödeln. Er tat es einfach, weil das Spiel lockte. Wie so viele Jungs in seinem Alter hatte er den Drang bei allem und jedem der Beste zu sein, und so vergingen gewiss zwei oder drei Stunden, bis plötzlich einmal mehr eine Hand an seinem Ohr kniff und es verdrehte, um ihn so vom staubigen Boden hochzuziehen, auf dem er gerade noch kniete, um ordentlich anvisieren zu können, bevor er die Murmel schnickte.

Dieses Spiel wiederholte sich wöchentlich mindestens zwei Mal. An und für sich war Kaladin, seinem Vater, schon von vorne herein klar, dass er den Jungen würde auflesen müssen, damit er vor dem Abendbrot wieder zuhause war und mithalf auf dem Hof alles für die Nacht vorzubereiten. Irgendwann ging er dazu über dem Jungen bei den Besorgungen zwei Stunden für das Murmelspiel einzuräumen. Ab dem Moment durfte er dann zu seiner Überraschung und seinem Erstaunen mit Pünktlichkeit und Disziplin rechnen.
Was er nicht wusste, und sich zeitgleich ergab, war die Tatsache, dass der alte Veteran das Ganze verfolgt hatte und dem Jungen auftrug gehorsam zu sein, wenn er jemals bei ihm lernen wollte. Das war Dazen Ansporn genug. Dass für ihn noch zwei Stunden Spiel raussprangen, nahm er dankbar entgegen.
Ein Jahr sollte noch vergehen, bis der Bursche die Erlaubnis bekam bei dem alten Mann das kämpfen zu lernen. Natürlich ging auch das nicht ohne Regeln vonstatten. Er durfte zwei Mal die Woche dort hin, immer am Tag für die Besorgungen, und der Bursche musste selbst wählen, was ihm wichtiger war: Murmelspiel oder Kampfkunst. Zu Anfang entschied Dazen für sich, dass eine Stunde für beides ganz gut wäre. Bald schon stellte er fest, wenn er wirklich etwas lernen wollte, gab er das Murmeln besser auf. Bei dem Ehrgeiz, der ihn mit der Zeit packte, geschah auch genau das.
Als Vater und Mutter den Willen bei dem Jungen erkannten, räumten sie ihm den ganzen Nachmittag ein. Inzwischen war ja der Jüngere auch alt genug um die Besorgungen zu machen. Der kam der neuen Aufgabe meist nur mit Murren und Unwillen nach. Nicht selten unterbrach der Ältere auch seine Übungen, um den kleinen Bruder aus der Rauferei herauszuholen und selbst blutige Nasen zu verteilen, nicht selten mit Billigung von Tarlon Grauland. Dies war der Name des Veteranen.
Es kam natürlich der Tag, an dem Kaladin den Mann fragte, wieso er diese Prügeleien duldete und sogar noch dazu aufforderte.
„Oh, Dazen kann da ausprobieren, was er gelernt hat. Und in der Regel darf er sich das vor meiner Nase auch nur dann erlauben, wenn es der Ehre nicht abträglich ist und die Rotzlöffel zu fünf auf den Kleinen losprügeln. Außerdem lernt er so einzustecken.“

Nun es mochte die Billigung des Veteranen haben, die des Vaters und der Mutter hatte er dafür nicht. Kam er lädiert heim, die Klamotten zerrissen oder kaputt, gab es auch da nochmal die Gerte hinterher. Was sich auch in der Zeit nicht änderte: Garvin kam meist mit einem blauen Auge davon, die Schläge fing der große Bruder für ihn ab. Ohne Klage.


Kapitel 2

Vierzehn. Das war so ein Alter des jugendlichen Trotzes, Aufbegehrens, der allgemeinen Verblödung auf Grund von Mädchen und mangelnden Vernunft. Die Eltern verzweifelten am Ungehorsam, am Kräftemessen und der damit einhergehenden Disziplinlosigkeit, und noch viel mehr daran, dass der Lenz mit dem Sohn durchging, als gäbe es kein Morgen danach.
Zu ihrem Leidwesen wusste der Junge nur zu genau, wie er auf die Gören aus dem Dorf wirkte und nutzte das schamlos aus. So war es keineswegs selten, dass er die Stunden schwänzte, in denen er eigentlich Taktiken und Geschichte lernen sollte beim alten Tarlon. Nur die Stunden, wo es um den Schwertkampf ging, die versäumte er nie. Dafür nutzte er ansonsten jede Gelegenheit den Mädchen nachzustellen und Ihre hübschen Köpfe zu verdrehen. Nicht selten bekam er bei den dafür einbezogenen Prügeln zuhause zu hören, dass er sicherlich für eine ganze Kinderschar sorgen würde, die kein Mensch mehr ernähren könnte, weil es zu viele seien, Alatar gefällig hin oder her.

Der einzige, der sich darum wirklich gar keine Gedanken machte, war Dazen selber. Für ihn waren das feine Gelegenheiten seine eigenen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht zu sammeln, und er genoss das in vollen Zügen, nutzte so gut wie jede Gelegenheit, die sich bot, und nicht selten musste er Reißaus vor wütenden Vätern mit Besen oder Forken nehmen, wenn er erwischt wurde.
Zweifellos war das alles für ihn ein einziges Abenteuer und ein jedes Angebot war darüber hinaus eine Herausforderung – und Herausforderungen konnte er einfach nicht ablehnen. Sei es eine dergestalt, dass ein Freund sagte: „An die traust du dich niemals ran!“ oder das Mädchen irgendeine Herausforderung aussprach, wo kneifen einfach nicht in Frage kam.

Es wurde also für niemanden leichter über die Jahre, die nun kamen. Weder für Dazen, noch für die Eltern, aber ganz sicher auch nicht für die Eltern der Mädchen aus Meran und dem Umland. Ganz bestimmt auch nicht für den kleinen Bruder Garvin, dem Dazen nur allzu oft die Mädchen ausspannte, ohne Rücksicht auf Verluste. Und da war Garvin ja eigen: Was der Große hatte, wollte der Kleine mit der Kneifzange dann auch nicht mehr anrühren.

„Er würde bessere Fortschritte machen bei jemandem Jüngeren, der agiler ist, als ich alter Mann, Kaladin. Du solltest ihn in die Stadt schicken, am besten auf Gerimor. Dann ist er weit genug weg von den Mädchen hier, kennt keinen und muss sich ganz und gar eigenverantwortlich durchschlagen.“ „Er ist noch zu jung, Tarlon. Und ich brauche ihn außerdem auf dem Feld. Ich kann ihn nicht gehen lassen.“
„Irgendwann wird er gehen, ob es dir gefällt oder nicht. Ist es dann nicht besser, er tut es mit deinem Segen?“
„Ja, aber noch ist Zeit. Und ich werde ihn nicht vor dieser gehen lassen.“

Solche Gespräche fanden zunehmend häufiger statt, je älter Dazen wurde, und je ärger er seinen Umtrieben folgte. Nicht selten trudelten Beschwerden über den Burschen ein, wobei auch diese mit der Zeit weniger wurden. Er lernte dazu, bekam raus, wie er dies oder jenes geheim halten konnte, wie er die Mädchen dazu brachte nichts zu sagen, und wo die Orte waren, wo die Gefahr erwischt zu werden nicht so groß war.
Je älter er wurde, desto weniger konnte Tarlon ihm noch beibringen. Immerhin aber kam das Interesse auch für andere Dinge bei dem mittlerweile jungen Mann wieder. Er nahm zum Beispiel wieder Kenntnis vom Unterricht in Geschichte oder Geographie. Lesen, schreiben und rechnen beherrschte er inzwischen so gut, dass er zuhause bei den Büchern zur Hand gehen konnte. Nicht, dass es ihm gefiel, aber Kaladin verdonnerte ihn immer öfter dazu.
Und irgendwann kam der Tag, der kommen musste, und den die Eltern nur zu gerne versuchten so lange hinaus zu zögern, wie ihnen nur möglich war. Der Tag, an dem der junge Mann vor seine Eltern trat und den Segen erbat den heimischen Hof zu verlassen und nach Gerimor verreisen zu dürfen, um mehr zu lernen, sowie seinen eigenen Weg zu gehen, den er beileibe nicht auf dem Hof der Eltern sah.


Kapitel 3

In dem Jahr, in dem er seinem elterlichen Haus den Rücken kehrte, zählte er inzwischen einundzwanzig Sommer. Sein Vater selbst brachte ihn zur Küstenstand und zahlte ihm die Passage. Er bekam nur ein Handgeld mit, das für die erste Unterkunft im alatarischen Reich ausreichen würde. Zu wenig Handgeld in Dazens Augen, aber er hatte bereits eine Lösung im Sinn, um dieses zu mehren, auch ohne die Hilfe des alten Herren, also beklagte er sich nicht. Es hätte ohnehin nichts gebracht.
Der Aufbruch aus Meran war schwer gefallen. Seine Mutter tat sich schwer im Loslassen und selbst sein Bruder war etwas mitgenommen von der Tatsache, dass er damit der älteste Sohn am Hofe war und die Arbeiten übernehmen sollte. Vermutlich aber war er das mehr deshalb, weil es dann für ihn hieß wirklich anpacken zu müssen, als der Umstand, dass Dazen weg war, vermutete der Ältere ganz im Stillen amüsiert.

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Einige seiner Freunde und einige der Mädchen des Dorfes hatten am Straßenrand gestanden, als sie mit der Kutsche vorbeifuhren und noch einige Wünsche – und auch einige Verwünschungen – hinterher gerufen. Die Verwünschungen waren es vor allem, die ihm einen sehr langen und intensiven Blick seines Vaters und eine direkt folgende kräftige Ohrschelle einbrachten. Beides nahm er kommentarlos und mehr oder minder reuig hin, denn sie beide wussten nur zu gut, für was er diese Schelle kassierte. Er konnte von Glück reden, wenn seine Umtriebe ihn nicht zum Vater irgendwelcher Bastardkinder machten, von denen er bislang noch nichts wusste oder vielleicht sogar nie etwas dazu erfahren würde. Da war eine Ohrfeige noch ein sehr gut ertragbares Los.

Das Schiff wirkte gigantisch auf den jungen Mann, ehrfurchtgebietend, gar einschüchternd, was vermutlich mehr damit zusammenhing, dass er zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt einen Hafen und Schiffe sah, und das Handelsschiff in der Tat eines der größeren war, das hier angelegt hatte.
Sein Vater begleitete ihn noch bis zum Anleger und sprach dort mit dem Kapitän des Handelsschiffs. Ein paar Momente hörte der junge Mann bei der Verhandlung der Passage zu, dann aber wurde er schon abgelenkt von all dem bunten Treiben am Hafen. Er sah zu, wie die Fracht verladen wurde, wie einige Seeleute auf der schmalen Planke rauf und runter liefen, ohne auch nur einmal daneben zu treten oder sich ins Gehege zu kommen, und konnte darüber nur staunen. Nur beiläufig bekam er mit, wie der Kapitän zu seinem Vater sagte: „In einer Stunde legen wir ab.“
Danach wurde er unsanft fortgezogen und die ungemeine Flut an Menschen verschlang sie regelrecht. „Wir werden dir noch etwas Wegzehrung besorgen, auch wenn der Kapitän Verpflegung zusagte. Komm.“ Leichter gesagt, als getan. Der Mahlstrom an Menschenleibern zog sie zunächst in eine völlig andere Richtung, als sie einschlagen wollten, letztlich aber erreichten sie dann doch den Laden, den sein Vater auserkoren hatte für einige Einkäufe. Die waren dann auch schnell getätigt und der Kampf zurück zum Anlegesteg wurde wieder aufgenommen. Die Verabschiedung verlief zurückhaltend und steif, beide waren sie darin nicht gut, aber mit einem Blick hatten sie sich dann auch alles gesagt, was nötig war, und Kaladin wandte sich ab, um den Heimweg anzutreten.
Dazen hingegen versuchte möglichst unbeschadet die schmale Planke hinaufzukommen, wo er direkt in Empfang genommen wurde. „Ich zeig dir deine Hängematte und Kiste, wo du deinen Krempel unterbringen kannst. Schließ sie ab.“ – „Dazen, und du?“ – „Jorge.“ Mehr Worte sollte er an diesem Tag erst einmal nicht mehr wechseln, was nicht an Jorge lag. Der erwies sich als ungemein gesellig und lästerlich, während der junge Mann direkt beim Auslaufen über der Reling hing und die Fische fleißig fütterte, und sich in lichteren Momenten fragte, was er mit dem Zusatzproviant wollte, wenn er es eh gleich wieder erbrach.

Es dauerte gute zwei Wochen bis er an den Seegang soweit gewöhnt war, dass er nicht beim kleinsten Wellenschlag wieder alles ausspie, was er zu sich genommen hatte. So elend wie er aussah, fühlte er sich nach wie vor, bemühte sich aber trotzdem wieder zu Kräften zu kommen und das Essen künftig bei sich zu behalten. Jorges Sticheleien begleiteten ihn nach wie vor tagein und tagaus. Übel nahm er es ihm nicht wirklich, auch wenn er gelegentlich versuchte ihm eins mitzugeben, was ihm nur Gelächter von denen einbrachte, dies mitbekamen, da es doch etwas schwächlich daher kam. Kein Wunder, hatte er seit zwei Wochen so wenig bei sich behalten können, dass er sogar ein paar Pfunde verlor. Es brauchte eine weitere Woche, bis er wieder soweit bei Kräften war, dass auch die gesunde Gesichtsfarbe wieder zurückkehrte.
Die vierte Woche bescherte dann allen das, was sich niemand wünschte. Ein Sturm zog auf. Bislang war es so gewesen, dass Dazen einer solchen Naturgewalt nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. In dem alten Bauernhaus der Eltern fühlte er sich stets sicher, hier auf dem Schiff war das aber etwas gänzlich anderes. Die Wellen nahmen Ausmaße an, die er zuvor für Seemannsgarn gehalten hätte, wäre es ihm nur erzählt worden. Jetzt allerdings fand er sich irgendwo festgebunden an Deck wieder, die Welt schien nur noch aus einem üblem auf und ab und hin und her zu bestehen. Den Horizont zu fixieren war eine völlige Unmöglichkeit geworden und es war an sich schon ziemlich egal, von wo das Wasser kam, ob von oben, unten oder von den Seiten, außer wenn er es schluckte. Salzwasser brannte in den Augen, brannte wenn er es schluckte, er hustete und keuchte, würgte und kotzte sich wieder einmal die Seele aus dem Leib, bekam das aber vor lauter Kraftlosigkeit kaum mit.
Irgendwann hörte er nur ein lautes Bersten, ein Krachen, konnte in der Dunkelheit und bei den Wassermassen aber nicht viel sehen oder ausmachen, und irgendwann umfing ihn bei aller Unbequemlichkeit die tröstende Umarmung des Schlafs der Erschöpfung. Als er wieder zu sich kam, graute der Morgen bereits, die See war so still, dass er nicht einmal ein Schaukeln unter sich spürte, aber die Verwüstung, die sich vor ihm auftat, versetzte ihm einen ordentlichen Schrecken. Nur haarscharf war er der Bekanntschaft mit dem Hauptmast entgangen und er hörte einen der Seemänner in der Nähe sagen, dass sie alle froh sein konnten, dass der Kahn nicht abgesoffen war.
Mit klammen Fingern band Dazen sich los und stellte sich auf seine zittrigen Beine und sah sich um, als er auch schon eine schwere Hand auf der Schulter spürte. „Tja, Junge. Ab heute wirst du mit anpacken müssen, egal wie übel es dir geht. Mir sind ein paar Männer verloren gegangen.“
Ob es am stillen Entsetzen lag, das ihn erfasst hatte, oder aber daran, dass er froh war irgendetwas zu bekommen, was ihn von all dem ablenkte, konnte er später nicht mehr sagen: Er nickte und machte sich an die ihm direkt darauf zugewiesene Aufräumarbeit. Klagen hörte von ihm niemand, auch andere Worte nicht. Er machte sich schweigend und recht verbissen ans Werk und ließ sich dabei von den erfahrenen Seeleuten anleiten ohne Widerrede, solange, bis er vor Erschöpfung fast zusammensank und irgendwer dafür sorgte, dass er sich hinlegte, bestenfalls dort, wo er niemanden störte. Die zugewiesene Hängematte hatte es nicht überstanden. Seine Kiste auch nicht. Was darin war, war im Salzwasser ersoffen, weggespült oder geplündert worden, aber das spielte für ihn im Moment keine Rolle. Er dankte Alatar im Stillen noch zu leben. Nichts war für den Augenblick wichtiger.
Nach weiteren vier Wochen fühlte er sich auf dem Meer fast wie zuhause. Das Schiff war inzwischen soweit wieder hergestellt worden, dass es seetauglich war und die Fahrt fortgesetzt werden konnte. Auch die Mannschaft hatte der Kapitän beim nächsten Hafen aufgestockt, was Dazen aber nicht daran hinderte weiter mit zu helfen. Als er aus der Arbeit entlassen werden sollte, hatte er von sich aus gebeten nicht davon ausgeschlossen zu werden.
Die Arbeit tat ihm gut, es war weit besser, als faul herumzulungern und sich zu langweilen. Darüber hinaus legte er dadurch nicht unbedeutend an Kraft zu. Immer dann, wenn Schichtwechsel war, nutzte er die Zeit darüber hinaus mit einigen aus der Mannschaft das Fechten zu erlernen und zu üben.
Er musste schnell feststellen, dass die Männer es bevorzugten mit den leichten Waffen zu hantieren. Jorge hatte ihm mal erklärt, dass dies wohl vor allem daran lag, da sie auf einem Schiff einfach handlicher waren, als schwere Bastardschwerter.
Das Bastardschwert seines Großvaters war das einzige, was ihm noch von seinem ganzen Gepäck geblieben war, und das auch nur, weil er es Tag und nach bei sich trug. Wenn er sich nicht gerade im Kampf schulte oder schuftete, widmete er sich dessen Instandhaltung und Reinigung, mehr als üblich, da er fürchtete, die Seeluft könnte es schneller rosten lassen. In den Momenten überkam ihn für gewöhnlich leises Heimweh.