Lucien Mareaux

Aus Zwiegelichter
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Bewahre Dir die Neugier auf das Leben,

jeder Tag ist neu und unbekannt.
Nichts hält jünger als das Streben,
nach Wissen und einem größeren Verstand.


Andreas Fetzer






Name:
Lucien Mareaux
Alias:
Feuerstern
Titel:
-
Geburtstag:
17. Eisbruch 224
Geburtsort:
Weißhafen, Nharam
Alter:
Mitte 30
Größe:
183 HF
Statur:
athletisch
Haarfarbe:
schlohweiß
Augenfarbe:
helles blau (Farbe der Temora
Familienstand:
Im Bund mit Majalin Mareaux
Kinder:
Jeremiah Mareaux
Geschwister:
Joelle Levefre
Eltern:
Claudette Lefevre und Jérôme Mareaux (verstorben)
Profession:
Heiler ehemals Schurke
Besondere Merkmale:
Sommersprossen auf Nase und Wangenknochen, Narbe an der linken Hüfte, große Krallennarbe eines Bären quer über die rechte Brust verlaufend

Ein Lebenswerk

Wo ist die Werkstatt, drin die sichere Waffe,

Das Wort, zum Pfeil, zum Schwert, zum Helm und Schild
Geschaffen wird? Nicht wenig liegt daran,
Zu Schutz und Trutz es tüchtig zu besitzen.
Es recht zu schmieden, ist die große Kunst,
Ist unsrer Zeit fast einziges Bestreben;
Denn nicht mehr auf des Degens Spitze nur –
Auch auf der Lippen Schneide ruht die Welt.

(Gustav Schwab, (1792 - 1850), deutscher Philosoph und Theologe)



Buch 1


Prolog

„Schaff dein verdammtes Rotzbalg hier raus! Er vergrault mir die Kundschaft!“ keifte eine schrille Weiberstimme durch das schäbige, zweistöckige Haus. Unten im Entree wurde die Beschwerde gleich von einer rauen Stimme als Grund genommen, mitzupoltern:
„Wenn du deinen Bengel nicht unter Kontrolle bekommst, fliegst du raus!“
Dann hörte ich meine Mutter fluchen. Das Nächste woran ich mich erinnern konnte, war die schallende Ohrfeige, die mir eine blutige Nase bescherte. „Mach das du raus kommst, du nichtsnutziges Wechselbalg! Ich weiß ohnehin nicht, was ich dich durchfüttere!“ Es folgt ein Stoß gegen den Rücken, der mich voranstolpern ließ. Mit Tränen in den Augen sah ich zurück. Als Junge von gerade mal sechs Sommern verstand ich all das nicht sonderlich, was um mich herum vor sich ging. Was ich falsch gemacht hatte, noch viel weniger und wieso sie mich stets Wechselbalg nannte ohnehin nicht. Ich wusste nur, dass es eine Beschimpfung, eine Beleidigung war, denn ihr Tonfall und die Fratze, die sie dabei zog, ließen gar keinen anderen Schluss zu. Ein zweiter Schlag mit der flachen Hand gegen meinen Kopf folgte, als ich nicht direkt spurte. Es klatschte laut und ich verlor das Gleichgewicht, schlug lang auf die Dielen des Flurs hin. Ich fühlte, wie ich hoch gerissen und die Treppe hinunter gezerrt wurde. Mehr stolpernd als laufend, vom Tränenschleier fast blind, wurde ich vor die Türe verfrachtet und regelrecht hinausgeworfen, wo ich erneut auf dem Boden landete, mitten im Dreck und einer Pfütze, die sich durch den noch immer anhaltenden Regen gebildet hatte.
Was meine Mutter mir entgegen schrie, verstand ich nicht mehr. Betäubt blieb ich liegen, zitternd und krampfend, heulend wie ein Schlosshund. Irgendwann endete das Keifen, die Türe schlug zu, und es wurde still, bis auf den Regen, der unablässig weiter fiel.

Wie lange ich im Dreck liegen blieb, daran sollte ich mich später nicht mehr erinnern. Nur, dass mich irgendwer nach einer unendlich wirkenden Zeit hochhob und weg trug, und dass es wenig später behaglich warm wurde. Als ich die Augen aufschlug, sah ich einen Kamin und das Feuer, das darin brannte. Erst danach nahm ich die zusätzlich wärmende Decke wahr, die jemand um mich geworfen hatte. Der Kamin war alt, einige Klinkersteine fehlten darin, der Mörtel bröselte stellenweise hinaus, und der Blick zu Boden verriet mir, dass auch der schon mal bessere Zeiten gesehen haben musste. Eines aber wurde mir überdies bewusst: Hier war ich noch nie in meinem kurzen Leben gewesen.
Erschrocken setzte ich mich auf und sah mich um. Der Raum war spärlich möbliert. Nur ein Tisch und zwei Stühle waren noch zu sehen, die im Halbdunkel lagen. Auf einem der Stühle saß ein Mann, der mich schweigend anstarrte. Nichts an ihm wirkte vertrauensvoll. Weder das pockennarbige Gesicht, noch der kalte Blick aus den graugrünen Augen, die schmalen Lippen zeigten eine Bissigkeit, die erwarten ließ, dass er kein freundliches Wort kannte, noch die Kleidung, die ziemlich heruntergekommen und abgerissen wirkten und sich damit der verfallenen Bruchbude anpassten, in der wir uns befanden.
Verängstigt kauerte ich mich vor dem Kamin zusammen, zog die Decke mehr um mich und stellte fest, dass sie muffelte. Dennoch wollte ich sie nicht loslassen. Sie war mein einziger Schutz vor diesem unheimlichen Fremden. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen und starrte den Mann nur aus großen Augen an.
„Vergiss das Gefühl niemals, Kleiner. Dann wirst du auch vorsichtig sein. Du wirst bei mir bleiben, lernen, was es zu lernen gibt und zusehen, dass Essen auf den Tisch kommt für uns beide, klar? Deine Mutter will dich nicht mehr wieder sehen.“
Ich wollte aufbegehren, machte den Mund schon auf, als der Kerl aufsprang und ehe ich auch nur einen Ton herausbrachte, saß schon die nächste Ohrschelle.
„Du sprichst nur, wenn du aufgefordert wirst! Ich habe keinen Bedarf nach deinem Geplärr! Und wehe dem du wagst es dich zu flennen!“
Verschreckt und verängstigt presste ich die Lippen fest aufeinander, bemüht die Tränen zurückzuhalten, die mir in die Augen schossen. Es folgten Tage und Wochen, in denen ich noch mehr Prügel bezog, als in meinem kurzen Leben davor ohnehin schon.


Kapitel 1

Fünf Jahre waren ins Land gezogen. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht irgendwelche Prellungen, blaue Flecken oder Schürfwunden am Leibe trug. Fast jeden Tag gab es eine Tracht Prügel, ob nun berechtigt oder nicht schien einerlei. Die Abreibung gab es konsequent in den Abendstunden, zumeist, wenn der Hurenbock von Meister etwas gesoffen hatte. Ich fürchtete mich noch immer vor ihm, mindestens so sehr, wie ich ihn hasste. Aus dem Unverständnis und der ewigen Frage, warum meine Mutter mir das angetan hatte, war mittlerweile unbändiger Zorn geworden. Die Zeit, in der ich nur Selbstmitleid empfand und das Fortsein von meiner Mutter heimlich beweinte in der Nacht, war vorbei und wandelte sich nach und nach in dem Wunsch es ihr heimzuzahlen, genauso wie dem, an dem sie mich und ihre Verantwortung weitergegeben hatte.
Auch nach fünf Jahren wusste ich seinen Namen noch immer nicht. Dazu kam, dass ich noch lange nicht kräftig genug war gegen ihn und seine Attacken zu bestehen, dafür aber findig genug ihnen weitestgehend aus dem Wege zu gehen, so dass es nur einmal am Tage Schläge gab und nicht vielleicht sogar mehrfach, weil ihm gerade der Sinn danach stand.
Ich war gezwungen zu stehlen, zu betteln und zu bitten, oder Kunststücke aufzuführen, um für unser Essen zu sorgen. Brachte ich nicht genug mit, aß er allein und schickte mich hungrig und geprügelt zu Bett. Ein Hohn es überhaupt zu nennen, denn es war kaum mehr als ein mottenzerfressenes altes Fell, ohne Decke, in einer Ecke irgendeiner baufälligen Hütte, die mehr Löcher im Dach hatte, als heile Fenster im Rahmen. Es zog durch sämtliche Ritzen und davon hatte es hier wahrlich viele. In kalten Herbst- und Wintertagen fror ich mich fast zu Tode, aber ich wagte es nicht irgendeine Klage vorzutragen.
Nur eines konnte ich dem Bastard zu gute halten. Ich lernte viel von ihm – wenngleich das, was ich lernte auch eher dazu diente, anderen zu schaden. Nur wenig von dem, was er mir beibrachte, hatte auch einen erkennbaren Wert für mich persönlich. Vermutlich lag das daran, dass ich es in dem Alter, in dem ich mich befand einfach noch nicht erkennen konnte.
Schlösser aufbrechen, leise knacken, auf lautlosen Sohlen über noch so arg knarrende Dielen laufen, ohne dass sie einen Mucks von sich gaben, Wertgegenstände erkennen, ich lernte etwas über die verschiedensten Gifte, schreiben, lesen und rechnen, einige Sprachen. Schriftzüge nachahmen, die nicht die meinen waren, ich lernte viel über Kunst und Geschichte, lernte die Religionen kennen, wie der Adel sich verhielt, was die Armen ausmachte, was die Gesellschaft von wem hielt, Etikette, und so weiter und so weiter. Mein Tag war angefüllt mit lernen, kleinen und großen Aufgaben und daneben sollte ich noch genug Münzen oder Essen beschaffen, damit ich irgendwann auch mal satt werden durfte.
Als ich das zehnte Lebensjahr in etwa erreicht hatte – an welchem Tag ich geboren worden war, wusste ich nicht, nur dass es irgendwann im Sommer sein musste – begann der Unterricht mit den Waffen.
Machte ich Fehler, bezog ich Schläge, lief es gut, kein Lob. Vermutlich waren aber keine Prügel bekommen schon Ansporn genug. Ich stellte sehr schnell meine Liebe zu den Wurfmessern fest und mein Meister ein gewisses Talent dafür, dass er immer weiter forderte. Manches Mal erschien es mir, als wäre er nie zufrieden mit meinen Leistungen. Vielleicht war es sogar so. Er zog seine Schreckensherrschaft konsequent durch, all die Jahre. Von Respekt mochte ich nicht reden. Für den Mann hatte ich keinen übrig, für seinen unglaublichen Wissensschatz allerdings schon. Da ich keine Freunde hatte, war es genau das, was mir die Zeit erleichterte: Lernen.

Drei Jahres später, der vierzehnte Sommer meiner Lebenszeit war gerade vergangen und der Herbst hielt seinen bitteren Einzug, wurde ich durch ein leises scharrendes Geräusch in der Nacht wach. Mein Schlaf war nur sehr leicht, seit Jahren schon, so geschult von dem Mann, der mir über all die Zeit derart viel Angst eingeflößt hatte, dass es mir eine Weile lang sogar kaum möglich gewesen war, die Augen überhaupt zuzubekommen.
Still und reglos lag ich auf meinem Lager – noch immer das abgenutzte, halb zerfetzte Fell – und starrte in die Dunkelheit in dem verzweifelten Versuch irgendetwas zu sehen. Doch die undurchdringliche Schwärze machte es mir schlicht unmöglich. Ganz in der Nähe hörte ich eine ganz leise Bewegung, die mir verriet, wo der ‚Eindringling’ sich aufhielt. Meine Hand wanderte lautlos zu einem der Wurfmesser, die ich seit ich den Umgang damit lernte, stets bei mir trug. Erneut raschelte es links von mir so leise, dass ich mich fragte, ob mir meine Nervosität nicht nur einen Streich spielte. Darüber hinaus verspürte ich den unbändigen Drang pissen zu müssen, wie immer, wenn ich gezwungen war auf den passenden Moment zu warten. Vermutlich war das wieder einer der Übungen vom Meister, ob ich auch stets wachsam war, dieser elende Bastard! Nichts zu fressen kriegen und kein Schlaf! Ganz üble Mischung! Erst recht für einen Heranwachsenden mit dem dringenden Bedürfnis etwas zu beißen zu bekommen. Der Schlafmangel machte mir weniger zu schaffen als der Hunger, beides zusammen ließ mich bisweilen unerträglich launisch werden. Zumeist führte es auch zu mangelnder Konzentration, weiteren Schlägen und Aufmüpfigkeiten trotz aller Angst vor diesem Dreckskerl, den ich mittlerweile mehr hasste als alles andere auf der Welt.
Bei der nächsten Bewegung verlor ich die Geduld und schleuderte „ihm“ mein Wurfmesser entgegen. Ich erwartete nicht zu treffen, das tat ich nie bei ihm. Dieses Mal aber hörte ich den dumpfen Aufprall, so als wenn das Wurfmesser die Strohpuppe, die ich zum Üben verwandte, traf. Die aber stand nicht in der Richtung, in die ich geworfen hatte! Das dämmerte mir erst als ich das schwere Aufklatschen eines Körpers hörte, und als die Hand, die an besagtem Leib hin, meinen Arm streifte.

Entsetzt sprang ich von meiner Lagerstatt auf und wich zur Seite hin fort von der Hand, war aber immerhin schlau genug keinen Mucks dabei von mir zu geben. Das Herz schlug mir bis zum Hals und ich hatte das Gefühl mir gleich buchstäblich in die Hose pinkeln zu müssen.
Mit zitternden Fingern tat ich das, was ich eigentlich vermeiden sollte. Ich griff nach Zunder und Holzspan. Es brauchte nur ein Versuch und der Span glomm auf, um ein wenig Licht zu spenden. Direkt neben meinem lochzerfressenen Fell breitete sich gemächlich eine Lache aus, die in dem schwachen Licht pechschwarz wirkte – mein Verstand sagte mir aber, dass sie blutrot sein musste. Die Hand, die ich am Arm gespürt hatte, gehörte zu dem elenden Bastard von Meister, der mausetot im Dreck lag, der sich im Laufe der Jahre in die Dielen rein gefressen hatte.
Als der Spann herunter gebrannt war und es unerträglich heiß an den Fingern wurde, ließ ich ihn reflexiv los. Dunkelheit breitete sich schlagartig aus und in dem Moment konnte ich es beim besten Willen nicht mehr halten. Ich begann zu zittern von der ganzen Anspannung, ich beugte mich vorn über und erbrach mich gründlich, gleichzeitig entleerte sich meine Blase. Einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich froh sein sollte, dass mich keiner so sah, darauf kam ich in diesem Augenblick nicht.


Kapitel 2

Wie lange ich dort gestanden hatte, wusste ich nicht. Ich zitterte am ganzen Leib, die Hände verkrampft. Es roch nach Blut, Erbrochenem und Urin, was die vom Schlaf verbrauchte Luft noch schlechter werden ließ.
Als das neben dem Bild des Toten in mein Bewusstsein drang, würgte ich erneut. Mit aller größter Mühe nahm ich mich zusammen, zog den Dolch aus der Leiche heraus und sammelte die paar Kleidungsstücke, die ich noch hier liegen hatte, zusammen und verschwand in die Nacht hinaus. Ich wollte nur fort. Ich lief und lief, ließ mich von dem Schlund der Gosse verschlucken und war dankbar darum, dass der Unrat noch schlimmer stank, als ich es tun musste.
An jeder Hausecke hielt ich inne und sah mich um, ob mir wer folgte.
Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl mein Meister klebte mir im Nacken, obschon ich genau wusste, dass er mausetot in dem verlotterten Haus lag und sich niemals mehr rühren würde.
Die ganze Zeit redete ich mir ein, dass es nur ein Unfall war, bis ich letztlich den Fluss erreichte. Das Wasser war rattenkalt, aber das war mir dieses Mal völlig einerlei. Ich sprang hinein, die übrigen Sachen in einem Gebüsch zurücklassend, damit sie nicht nass wurden. Die Kleider, die ich am Leibe trug, zerrte ich umständlich hinunter und ich wusch mich, solange bis die Haut krebsrot angelaufen war, ich vor Kälte nichts mehr spürte und mein ganzer Körper ein einziges großes Zittern war. Erst dann stieg ich aus dem Fluss heraus, zog mir die sauberen Sachen an, die anderen überließ ich der Strömung.
Ich suchte mir den Weg zu einem der anderen Baracken meines Meisters. Davon gab es viele. Er war nie lang an einem Ort mit mir geblieben. Sein Verfolgungswahn hatte ihn dazu gebracht. Wenn ich bedachte, wie viel Grund er dafür hatte, konnte ich ihn verstehen. Dass er aber ausgerechnet von seinem, wie er mich stets nannte, nichtsnutzigen Lehrburschen umgebracht wurde, damit hatte er nicht gerechnet. Ich auch nicht. Allein der Gedanke daran schuf neue Gruselbilder vor meinen Augen und ließ mich noch mehr schnattern vor innerer Kälte.
In der Kate, die etwas außerhalb des Armenviertels und der Stadtmauern lag, kauerte ich mich auf meinem einfachen Strohlager zusammen, lehnte mich mit dem Rücken an die Wand und wartete darauf, dass das Zittern aufhörte. Meine Gedanken rasten. Nicht nur, dass ich nicht wusste, wie es nun weitergehen sollte, in mir wuchs die Angst, dass irgendwer herausfand, was ich getan hatte.

Etwa zwei Wochen lungerte ich nur herum, schlug mich mehr schlecht als recht durch, bis jemand auf mich aufmerksam wurde. Mir wäre es in dem Moment allemal lieber gewesen, sie wäre blind durch ihre Straßen gegangen, denn die Folge von meiner Entdeckung waren Arbeiten, die ich lieber niemals verrichtet hätte und den Mord an meinen ersten Meister nicht den einzigen bleiben ließ.
An sich musste ich dankbar dafür sein, dass Rei mich aufgabelte. Nicht so dankbar war ich für ihre Erpressungen, die bei einem gerade mal vierzehn Jährigen viel zu gut fruchteten. Sie hatte schnell herausgefunden, dass mein Meister tot war und – so kam es mir vor – noch schneller, dass es meine Schuld war. Das machte sie sich zunutze. Was sie ebenso gut konnte: Sie wusste es auch so zu halten, ein Herauswinden für mich gab es nicht. Zwei Mal versuchte ich, zweimal kassierte ich dafür die Tracht Prügel meines Lebens, danach gab ich es freiwillig auf, auch wenn es mir nicht sonderlich gefiel.
Immerhin, das was mein Meister mir beigebracht hatte, kam mir hier zugute. Rei lehrte mich hingegen die Gewissenlosigkeit. Es vergingen nur zwei Jahre, in denen ich mein Gewissen zur Gänze vergaß und missachtet irgendwo auf dem Weg, den ich voranging zurückließ.

Als ich fünfzehn war, da gab es diesen Tag, wo ich ein letztes Mal davon überrumpelt und überrascht wurde. Der Auftrag lautete eine Hofschranze aus dem Weg zu räumen, die dem Landadel ein Dorn im Auge war. Nichts, was wirklich aufregend und von Belang gewesen wäre. Diese Stadt lag ohnehin so weit ab vom Schuss, dass es wenige Leute in wichtigen Städten und Ländern kümmerte, wer hier wen meuchelte und warum. Den Stadtbewohnern hier allerdings war das mächtig viel Gold wert.
Und mir war mächtig viel Gold einiges wert, denn auch wenn Rei mir mehr als Dreiviertel davon abknöpfte, indem sie mich ständig daran erinnerte, was ich getan hatte – begleitet von einigen Drohungen, denn die Erpressung allein genügte schon seit einer Weile nicht mehr – konnte ich mir so einige Münzen beiseiteschaffen, die ich niemals anrührte.
Ein Gutes hatte der Tod meines alten Meisters: Seine Besitztümer waren die meinen und ich sagte niemandem, was dazu gehörte, auch nicht Rei. Wenn sie das jemals erfuhr, war mein Plan für die Katz.
Mein Plan, den ich mindestens schon zehn Mal umorganisieren musste, weil mir irgendein Idiot ständig drohte dazwischen zu fuschen.

Der Auftrag, um mal zum Eigentlichen zurückzukehren, war an sich nicht sonderlich schwierig. Die Wachen hatten ihren stündlichen Wechsel, der wohlbekannt war. Ich schlich mich also ins Gemach der Schranze hinein, was kein großes Problem darstellte. Da sie zu den scheinbar weniger wichtigeren Persönlichkeiten gehörte, lag es etwas abseits. Der Grund für den Auftrag war simpel. Jemand, der in dieser Region einen Namen hatte, begann ein Auge auf sie zu werfen (mochte der Himmel wissen, warum, denn sie war wirklich – ich schwör’s – hässlich wie die Nacht!). Ein Blick durch das Zimmer verriet mir die beste Wahl des Versteckes sehr schnell. Ich verzog mich hinter den Eckschrank, der zu meinem Glück nicht spitz zulaufend war, um die Ecke voll auszufüllen. Es gab also genug Platz für einen schmächtigen Kerl wie mich, um mich dahinter zu verbergen. Da das gute Möbelstück bis zum Boden reichte, würde man mich gar nicht sehen können.
Das Übelste an so einer Lage war das Warten. Und das begann nun. Es verging Stunde um Stunde, zumindest gefühlt. Dabei wusste ich, dass die Schranze schon auf dem Weg hierher war, als ich mich hier hinein gestohlen hatte. Lange konnte es an sich nicht dauern, bis sie auftauchte.
Schließlich ging auch endlich die Türe auf und jemand trat hinein. Der Wind, der mit hineindrang, trug einen Duft mit sich herüber, der mich stutzen ließ. Das war kein Frauenduftwässerchen. Dazu war es viel zu herb. Ein Kerl? Lautlos zog ich die Kapuze meines Umhanges etwas mehr nach vorn, um mein helles Haar zu verdecken und lugte um die Ecke des Schrankes.
Viel konnte ich nicht von ihm erkennen und lange schauen konnte ich überdies nicht. Die Türe öffnete sich erneut und eine albern kichernde Frau trat ein, die mich zum Rückzug in mein Versteck zwang – die Schranze.
Was dann folgte, hätte ich am liebsten nicht miterlebt. Nicht, dass es mir fremd war – weder die Geräusche, noch die Laute, noch … der Akt an sich. Wenn man als Kind in einem Bordell aufwuchs, sah man und hörte man vermutlich weit mehr als das, was sich jenseits meines Sichtschutzes abspielte.
Ich sann darüber nach, ob ich mich wieder verdrücken sollte und mein Glück in einer anderen Nacht versuchte, oder ob ich die Zahl der Opfer erweiterte. Letztlich entschied ich mich für die zweite Wahl.
Während die beiden es also hübsch miteinander trieben, drückte ich mich aus meinem Versteck heraus, die Wurfdolche in den Händen und brachte mich in eine bessere Position, die mir genug Schatten bot, um mit diesem zu verschmelzen. Die beiden waren so sehr auf sich konzentriert, dass sie mich nicht bemerkten. Und das Flittchen machte es mir sogar noch leicht. Sie saß auf ihm drauf und bot eine perfekte Zielscheibe.
Kein Zögern, bevor der Dolch flog und sein Ziel fand. Der letzte Laut, den sie von sich gab, man sah ihn nach dem ganzen Theater, was zuvor ablief, garantiert als Lustschrei an. Der Kerl begriff jedoch sehr schnell, was nicht richtig war an dem Ganzen, nämlich die plötzliche Leblosigkeit seiner Holden.
Ich hielt mich im Schatten verborgen, als er sich aufsetzte und die Dunkelheit versuchte mit den Augen zu durchdringen – und mir stockte zugleich der Atem, als ich das Gefühl hatte in den Spiegel zu sehen, um dort eine ältere Ausgabe meiner selbst zu erblicken.


Kapitel 3

Die Zeit zog sich unangenehm in die Länge, während wir uns gegenüber standen und anstarrten.

„Ein Familientreffen, wie schön“, tönte es plötzlich hinter mir. Ich schrak zusammen und machte einen Satz zur Seite, um mich umzusehen und den Kerl zugleich im Auge behalten zu können. Rei. Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Fluch.
„Willst du deinen Auftrag nicht mal endlich zu einem Ende bringen, Kurzer?“
Mein Blick irrte von ihr zurück zu dem Kerl, der mir wie aus dem Gesicht geschnitten war. In dem Moment beschloss ich Rei das erste Mal zu ignorieren, ob es ihr schmeckte oder nicht. „Wer bist du?“
„Hör auf mit dem Unsinn, Kurzer! Das ist belanglos! Beende deinen Auftrag, sonst mach ich es!“
Ich knurrte unwillig. Der Versuch der Ignoranz schlug rasant schnell in genervten Zorn um. Das zweite Wurfmesser flog, ohne jede Vorwarnung, nur aus dem Handgelenk geworfen. Der dumpfe Aufprall verriet dem Kerl und mir, dass Rei auf der anderen Seite des Fensters auf dem Boden gelandet war. Für eine Weile senkte sich eine unangenehme und drückende Stille über den Raum. Draußen rührte sich nichts. Ob ich Rei den Garaus gemacht hatte, wusste ich noch nicht. Ich wagte es nicht, zum Fenster zu gehen und hinauszuschauen.
„Also?“
Er nannte seinen Namen und klang dabei erstaunlich ruhig trotz der gegenwärtigen Situation. Vielleicht hatte er keine Angst um sein Leben. Genauso gut konnte es aber auch sein, dass er seinen Frieden schon gemacht hatte, während der kurzen Auseinandersetzung mit Rei. Dieses verfluchte Miststück. Im Stillen hoffte ich inständig, sie mochte verreckt sein.
Nur langsam sickerte in meinen Verstand, was der Name des Mannes vor mir für eine Bedeutung hatte. Noch bevor ich nachhaken konnte, begann er zu erzählen, von sich, von dem, was ich wissen wollte, ohne dass ich noch einmal eine Frage dazu stellen musste. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er sich schon etliche Male vorgestellt hatte, wir stünden uns gegenüber. Als wäre er darauf vorbereitet gewesen.
Überfordert mit der Situation hörte ich zu, gab aber meine Haltung und die Vorsicht, genauso wenig die Wachsamkeit auf. Ich ließ ihn kein Stück näher an mich heran. Nicht einen Schritt. Aber je mehr er erzählte, desto mehr meldete sich mein Gewissen und im gleichen Maß mein Zorn. Ich hätte es besser haben können, all die Jahre. Das wurde mir sehr schlagartig bewusst. Dieser Mann war gut betucht, er war jemand, nicht so ein niemand wie meine Mutter. Er hatte es zugelassen, dass ich auf der Straße aufgewachsen bin, dass ich zu dem geworden war, der nun vor ihm stand. Und dafür begann ich ihn zu hassen.
Dennoch war eines klar: Vor mir stand mein Erzeuger. Vater wollte ich ihn beim besten Willen nicht nennen. Davon hatte er mir nur allzu wenig gezeigt bislang. Und ich machte mir inzwischen Gedanken, ob ich ihm diese Gelegenheit überhaupt einräumen wollte.
„Ich werde kein Wort von dem, was hier vorgefallen ist verlieren. Kein Wort davon, wer hier war, um…“ Er sah zu der Leiche auf dem Bett, dann ging er selber langsam zum Fenster hinüber und spähte hinunter. „Nun, oder ich sage, sie wäre es gewesen und ich hätte sie erledigt mit ihren eigenen Waffen.“
„Und was soll mich das Schweigen kosten?“ fragte ich trocken. Ich traute ihm nicht, nicht ein Stück weit.
„Komm zu mir. Ich denke, wo ich wohne, weißt du ohnehin. Lebe dort, lerne, was auch immer du möchtest. Lass mich wenigstens einen Teil wieder gut machen.“
Ich fragte nicht laut, wo der Haken an der Sache war. Mein Misstrauen blieb. Der Zorn auch. Ich deutete zum Bett hinüber. Langsam und ohne jede Eile kehrte er dorthin zurück. Noch während er mir den Rücken zuwandte, floh ich zum Fenster hinaus. Ich landete weich, unangenehm weich. Natürlich auf Rei, die sich um kein Stück mehr rührte. Trotzdem musste ich mich überzeugen. Die Hand glitt an ihren Lippen und ihrer Nase vorbei, dann drückte ich die Finger an ihren Hals. Nichts. Mausetot. Keine Reue. Da war vielmehr Erleichterung.
Fast hätte ich gelacht, als ich das Weite suchte.
Ich nahm etliche Umwege, um zu meinem Unterschlupf zu gelangen, auch wenn ich mir sicher war, dass mir niemand folgte. Erst als ich dort ankam, machte ich mir Gedanken um das, was gerade geschehen war. Zweifel, ob ich ihn nicht doch besser ebenfalls ins Jenseits hätte befördern sollen, waren da. Zweifel, ob ich das Angebot wirklich annehmen sollte oder ob es nicht eine Falle war. Zweifel, ob ich der Mord an Rei nicht Schwierigkeiten nach sich zog, obschon ich wusste, dass es genug gab, die nur darauf gehofft hatten, dass es sie irgendwann einmal traf.
Erst jetzt fiel mir auf, wie leicht es an sich gewesen war, sie auszuschalten und ich fragte mich im Stillen, warum ich nicht schon eher diesen Schritt gewagt hatte. Und noch etwas fiel mir auf. Sie war die Beste gewesen auf ihrem Gebiet.
Nicht nur mein damaliger Meister würde mich fortan in meinen Träumen verfolgen, soviel stand für mich fest, sondern auch Rei, denn sie war eines der Gesichter, die ich zu gut kannte, um es zu vergessen.
Wichtiger aber war im Augenblick für mich die Überlegung, wie es weiter gehen sollte. Ich verlor nicht viel Zeit in meinem Unterschlupf. Die wenigen Sachen, die ich hier verwahrte, packte ich zusammen und noch im Schutz der Dunkelheit stahl ich mich fort. Ich brauchte eine neue Bleibe, und wenn es nur für eine vorübergehende Weile war.


Kapitel 4

Es gab noch einen Unterschlupf, außerhalb der Stadt, im nahe gelegenen Wald.
Eigentlich mochte ich diese verkommene Hütte nicht, aber sie war kaum zu sehen, da das Dach gänzlich von Gras überwuchert war und duckte sich in eine kleine Mulde aus Erdreich und Gestein. Im Grunde das perfekte Versteck. Allerdings war sie drinnen genauso heruntergekommen, wie draußen. Es roch modrig und muffig, lud nicht eben dazu ein dort zu nächtigen, auch war das Dach durch das Gras undicht an einigen Stellen.

Hier verbrachte ich die ersten zwei Tage damit, die Dinge zu verstecken, die ich mitgebracht hatte. Ein zufälliger Eindringling musste nicht sehen, dass hier wer hauste, und schon gar nicht irgendwas vorfinden, um das er mich erleichtern konnte.
Die meiste Zeit brauchte ich für die Fallen und das komplizierte Schloss, um meine Habseligkeiten hinlänglich zu schützen. Es war eine elende Fummelei, aber ich wusste nur zu gut, was ich womöglich davon hatte, wenn ich mich nicht darum bemühte.
Nach vollendetem Werk stahl ich mich erneut im Schutz der Dunkelheit aus der Kate hinaus und lief in Richtung Stadt. Mittlerweile hatte ich einen Entschluss gefasst, wie ich mit der Situation umgehen wollte. Vorerst.

Die Kathedrale war von fern schon gut zu sehen und darüber hinaus auch mein Wegweiser zum Ziel. Ich musste an ihr vorbei, um dorthin zu gelangen, wo ich hinwollte. Ein paar Dinge, die ich von meinem Meister gelernt hatte, fanden in dieser Nacht Anwendung. Niemand würde ich mich für das Ebenbild des Mannes halten, den ich aufzusuchen gedachte. Genauso wenig würde jemand an dem Namen zweifeln, den ich vortragen wollte, um zu ihm zu gelangen, unerkannt. Ich wollte wissen, woran ich war, und das ließ sich nur herausfinden, wenn ich die Nase tiefer in die Angelegenheit steckte.
Nein, ich traute ihm nicht über den Weg. Welchen Grund hatte ich dazu auch? Immerhin beobachtete er mich bei einem Mord, und war der einzige lebende Zeuge dessen, was geschehen war. Noch dazu trug er einen Namen, mit dem er hätte bürgen können – für jedermann. Sein Wort wog schwer, meines hingegen wurde garantiert nur abgetan. Wer war ich auch schon? Sein Sohn. Aber was hieß das für andere? Nichts, da er mich bislang nicht offiziell anerkannte. Für die Bewohner der Stadt war ich unter anderem Namen bekannt, und der wurde nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, als könnte es ein böses Omen heraufbeschwören, ihn laut auszusprechen.

Als ich mein Ziel erreichte, verlangsamte ich meinen Schritt, hielt gemessen auf die zwei Wachen an dem Tor des Herrenhauses zu. Einmal mehr kochte Zorn in mir hoch, den ich nur mühsam beherrschte.
Leise stellte ich mich unter falschem Namen vor, bat darum zum Hausherrn vorgelassen zu werden. Einer der Wachen sah mich zunächst kritisch an, wandte sich dann um und verschwand in Richtung Villa. Der andere Wachhabende ließ mich in der Zwischenzeit nicht aus den Augen.
Es dauerte gar nicht lang, bis der Kerl in Begleitung eines Dieners zurückkehrte und ich hinein gebeten wurde. Nun würde sich zeigen, was von dem Wunsch meines Erzeugers zu halten war.


Kapitel 5

Ich wurde zum Herrenhaus und hatte dabei genug Zeit mir die äußere Anlage genauer zu betrachten. Tatsächlich erklärte mir der Kerl, der mich führte, bereitwillig, was ich sah und welcher Flügel was beinhaltete, fügte noch an, dass ich das aber noch ausführlich gezeigt bekommen würde. Das wiederum ließ mich darauf schließen, dass ich erwartet worden war und mein Misstrauen wuchs ins Unermessliche. Für einen Moment erwog ich direkt wieder zu gehen und das Weite zu suchen, doch die Neugier siegte.

Der Diener führte mich ins Herrenhaus hinein, nicht etwa durch den Dienstboteneingang (womit ich gerechnet hatte), sondern durch die Haupttüre. Aufmerksam ließ ich meinen Blick durch das Entree schweifen. Was es hier an Wertgegenstände gab, war kaum noch zu fassen. Mein Mund wurde trocken und ich hatte schwer zu schlucken, als ich allein schon die Gemälde versuchte einzuschätzen. Von den Büsten und Gobelins wollte ich gar nicht erst sprechen. Ich wurde in den Salon geführt, den zu betreten ich mich zuerst nicht wagte.
Zuerst dachte ich, der Boden wäre aus Steinfliesen, aber ein genauerer Blick offenbarte teuerstes Parkett.
Der Stuck an der Decke ließ den Raum etwas gedrungen wirken, genauso wie die grauen Wände. Die Bilder, Rahmen und das dunkle Holz der edlen Möbel unterstützten den Eindruck noch, versetzten mich aber auch zugleich in eine derart fremde Welt, dass ich kaum mitbekam, wie der Diener sich empfahl und verschwand.

Und nun stellte man sich vor, inmitten dieses Raumes, der allein schon so viel Wert war, wie ich niemals in Gold würde tragen können, stand ich. Völlig deplatziert. Die Kleidung, die ich trug, verriet mich als Gossenjunge. Zwar waren sie nicht ganz so abgerissen, aber doch schon gut abgetragen, aus den billigsten Stoffen und von einem Einheitsgrau. Vermutlich war die Hose einmal in einem kräftigen Blau gefärbt worden und das Hemd in einem helleren. Die Farbe allerdings war verblichen und so verwaschen, dass es nur noch schmuddlig Grau wirkte. Die Haare standen in alle Himmelsrichtungen, von Ordnung konnte man auf meinem Kopf nicht sprechen und vermutlich hatte ich auch – wie so oft – irgendwelche Schmutzstreifen im Gesicht und an den Händen. Die bloßen Füße waren ohnehin schwarz. Die Klamotten waren das Beste, was ich hatte, wenn man mal von meiner Ausrüstung absah, die ich für diese hässliche gemeine Arbeit brauchte, der ich in der Nacht nachging. Aber in den Ledersachen konnte ich kaum hier aufkreuzen. Die Stiefel waren auch zu schade, um sie einfach so zu tragen, sie waren immerhin mein einziges Paar, das ich besaß.
Während ich mich kaum an dem Salon und seinen Reichtümern satt sehen konnte, vergaß ich alles andere um mich herum. Wo ich war, weshalb ich da war, den Zorn, die vergangenen Jahre, die ständigen Prügel, meine mich verstoßende Mutter…
Ich bemerkte nicht einmal, dass noch jemand den Raum betrat. Erst als ein Räuspern hinter mir erklang, fuhr ich erschrocken herum und starrte ihn an.
„Wie ich sehe, hast du doch noch hierher gefunden. Ich hatte die Hoffnung schon aufgeben wollen.“
Irgendwas an seinem Tonfall ließ mich neuerlich misstrauisch werden. Er klang viel zu überzeugt davon, dass ich früher oder später den Weg hierher fand, so wie es nun auch geschehen war. Das war der Augenblick, in dem ich mich fragte, wie viel er wirklich von mir wusste.
„Du fragst dich sicher, warum ich dich nicht verraten habe, richtig? Und warum ich mir so sicher war, dich irgendwann hier wieder zu sehen vermutlich ebenso?“
Ich schwieg mich aus und starrte ihn nur an. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Selbst jemand, der keinen von uns kannte, wusste genau von wem ich abstammte. Leugnen war zwecklos. Sogar die Augen!
Feensohn…
„Nun, ich will es dir erklären. Setz dich.“
Mein Blick irrte widerwillig zu den teuren Sitzmöbel und zog es vor stehen zu bleiben.

Es verging Stunde um Stunde. Irgendwann setzte ich mich doch hin, ungeachtet dessen, dass die Polster der Stühle garantiert durch den Schmutz, den ich mit mir herumtrug, in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Irgendwann schickte mich der Mann hinaus, wo mich sein Diener in Empfang nahm und in den Westflügel des Herrenhauses brachte. Mir schwirrte der Kopf von all den Informationen, neuen Eindrücken, von dem, was mich erwarten sollte, und mein Erzeuger hatte es damit geschafft mir eine Zustimmung abzuringen, über die ich nicht einmal länger nachgedacht hatte. Auch später, als ich in der aus Messing gegossenen Wanne saß, gefüllt mit heißem Wasser und irgendeiner milchigen Substanz, die ich nicht zuordnen konnte, war mir noch nicht klar, worauf ich mich einließ. Selbst längeres Nachdenken brachte mich nicht weiter, so dass ich irgendwann beschloss erst einmal zu sehen, wohin die Reise führen sollte. Als ich mein Bad beendet hatte (ich muss wohl nicht erwähnen, dass das Wasser nachher nicht mehr milchig weiß, sondern pottschwarz war), ging ich in das Ankleidezimmer, fasziniert davon, dass es derartiges überhaupt gab. Wer zur Hölle brauchte schon ein ganzes Zimmer zum anziehen, umziehen und ausziehen?!
Auf einem Stuhl lagen bereits einige Kleidungsstücke bereit. Als ich sie näher betrachtete, musste ich feststellen, dass sie bester Qualität waren und an sich schon einen Schatz darstellten, den ich mir niemals hätte leisten können. Nach einigem Zögern – und weil ich zu frieren begann – zog ich sie an, in Ermangelung meiner alten zerschlissenen Kleidung, die irgendwer fortgeschafft haben musste.
Eine feine schwarze Hose aus dünnen Leinen, ein ebenso feines weißes Hemd, sowie ein dunkelgrünes Jackett mit silbernen Manschetten. Auf anderen Zierrat hatte man bei den Stücken verzichtet. Dann entdeckte ich die Stiefel, die neben dem Stuhl standen und mir gingen fast die Augen über. Einen leisen Pfiff zwischen die Zähne hindurch konnte ich mir nicht verkneifen. Feine, weiche Wildlederstiefel, ebenfalls von schwarzer Farbe. Ein wahres Vermögen!
Ich hatte mich gerade fertig angekleidet, sogar die Haare einigermaßen mit den Fingern glatt gezogen (sie wollten schon damals nicht so wie ich und lagen trotzdem kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen), als es an der Türe klopfte.
„Der Herr wünscht Euch beim Abendmahl zu sehen.“
Ich atmete tief durch. So spät war es also schon geworden. Die Aussicht auf etwas zu essen ließ meinen Magen lauthals knurren. Wann hatte ich das letzte Mal eine anständige Mahlzeit gehabt? Es musste Wochen her gewesen sein!
„Ich komme!“


Buch 2 - Von verwinkelten Zügen und neuen Lehren


Kapitel 1


Ich wurde in einen großen Saal geführt, an dem ein langer Holztisch mit Bänken stand. Es blieb mir zu vermuten, dass dort für gewöhnlich mehr Menschen ihr Mahl einnahmen, als an diesem Abend, an dem der Hausherr allein an einem Ende der Tafel saß.
Er deutete mir an gegenüber Platz zu nehmen. Dem Blick der Magd entnahm ich, dass sie mit der Wahl des Hausherrn gar nicht einverstanden war, so dass mein Blick an den Kopf des Tisches fiel, wo ein schwerer gepolsterter Sessel stand.

Ich setzte mich ihm gegenüber hin und sah schweigend zu, wie die Dienerschaft das Essen auf dem Gabentisch auftrug und hatte Mühe, dass mir nicht die Augen übergingen. Dort stand wenige Augenblicke später eine solche Menge an guten Dingen, dass garantiert dreißig Mann davon satt werden konnten.
Für einige Momente schwankte ich zwischen Heißhunger und Übelkeit. Wenn ich bedachte, wie oft ich hatte hungern müssen in den vergangen Jahren, und dies nun sah, wallte der Zorn erneut in mir auf. Erst in dem Moment wurde mir bewusst, wie genau ich beobachtet wurde von meinem Gegenüber.
„Such dir nur aus, was du möchtest und iss soviel wie du magst.“

Mein rat- und hilfloser Blick animierte die Magd dazu mir einen Teller mit einigen der Speisen zu füllen und aufzutischen. Ich nickte ihr nur stumm zu und begann direkt zu essen, während ein anderer Bediensteter Wein in einen Kelch eingoss, der schon bereit stand. Dass der Hausherr noch nichts kredenzt bekommen hatte, kümmerte mich nicht, bescherte mir aber einige tadelnde Blicke von den Anwesenden, was mir aber völlig entging.
Mein Gegenüber belächelte meine mangelhaften Manieren nur, ließ sich ein wenig auftischen. Das Essen verlief schweigend. Keiner sprach ein Wort und ich ließ mir bestimmt drei oder vier Mal Nachschlag geben. Wie jeder Jugendliche hatte ich auch einen enormen Bedarf und nimmer enden wollenden Hunger – und wer wusste schon wann ich die nächste Mahlzeit bekommen sollte.
Das Schweigen dehnte sich auch nach dem Abendmahl aus – unangenehm für mich, denn ich fand mich dabei die ganze Zeit beobachtet von ihm. Trotzdem brachte er mich nicht dazu den Mund aufzumachen.
„Hast du gar keine Fragen?“
„Wird das übrige Essen fortgeworfen?“
Ein Lachen war die Antwort und ein Kopfschütteln folgte.
„Nein, der Haushalt wird gleich noch speisen.“ Keine weitere Erläuterung dazu, stattdessen fuhr er fort: „Du wirst die Leute, die hier leben und arbeiten morgen kennen lernen. Auch deine Lehrer. Ich bin mir sicher, es gibt noch einiges, was du zu lernen hast, bevor wir dich auf die höhere Gesellschaft loslassen können. Etikette zum Beispiel.“ Daher wehte also der Wind.
Es würde sich zeigen, was auf den Unterricht folgte. Ich konnte und wollte mir noch immer nicht vorstellen, dass ich hier leben sollte ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Vielleicht auch nur deshalb, weil es sich dergestalt in mein Bewusstsein eingebrannt hatte, dass man nichts geschenkt bekam.
„Noch immer keine Fragen?“
„Was muss ich dafür tun?“


Kapitel 2

Was betete und hoffte ich im Stillen, dass die Stunden bald rum sein würden.
Ich saß bereits seit dreien in dem Salon, zusammen mit meiner neuen Lehrerin für Etikette, höfische Gesellschaft und Geschichte der besseren Gesellschaft. Es gab nichts, wirklich gar nichts, was daran erbaulich war. Das Thema Etikette war ermüdend, die alte Schrulle vor mir mit ihrem strengen Dutt und dem verkniffenen Mund, ihrem fast schon bösartigen Blick und der dürren Gestalt, konnte man auch nicht als ansehnlich bezeichnen – als umgänglich schon gleich gar nicht.
Ich hatte es geschafft, direkt in der ersten viertel Stunde ihren elendig dünnen Rohrstock zu spüren zu bekommen – und das nicht etwa dort, wo man für gewöhnlich etwas besser gepolstert war, sondern direkt auf die ausgestreckten Finger.
Meinem Handwerk war das überhaupt nicht zuträglich! Die Schmerzen waren unsäglich gewesen, aber irgendwie schaffte mein Trotz es die Tränen zurückzuhalten, die mir in die Augen schießen wollten. Auch das Schreien hatte ich unterdrücken können und das verdross diese alte Hexe ungemein.
Wer konnte es mir also verdenken, dass ich sie binnen der kürzesten Frist bereits hasste, wie die Pest und die Blattern. Diese Frau war die Krätze persönlich auf zwei dürren staksigen krummen Beinen! … und langweilte mich zu Tode.
Jedes Mal, wenn sie bemerkte, dass ich träumte oder mit den Gedanken woanders war, knallte der Rohrstock neben mir auf den Tisch und ließ mich zusammenschrecken. Irgendwann hatte sie die Nase davon voll, und ich musste stehen. Nach sechs Stunden Tortur entließ sie mich endlich und schwor mir, mich am Abend nach dem Essen abzufragen.
So ging das dann die nächsten zwei Wochen. Wo ich zu Anfang noch nicht so recht bei der Sache war, so sehr änderte ich es in den später folgenden Tagen, denn die Strafen der Alten waren so vielfältig schäbig und hässlich, wie sie selbst.
Der Lichtblick war der Unterricht, der nach ihr folgte. Der Stallmeister sollte mich im Reiten unterweisen. Wenigstens etwas frische Luft und Bewegung, das gefiel mir weit besser, auch wenn der Stallmeister nicht weniger streng war, als die alte Schachtel. Zwei Stunden. Danach folgten weitere zwei Stunden im Fechten.
Im Grunde waren die Tage angefüllt von Unterricht, mal mehr und mal weniger erquickend. Abends fiel ich todmüde ins Bett und schlief wie ein Stein. Ich hatte nicht einmal Gelegenheit diese wundervoll weiche Unterlage zu genießen, was für mich immerhin eine völlig neue Erfahrung des Schlafens war!
Aber das Essen! Davon vertilgte ich immer so viel, bis mir fast schon übel wurde – wer wusste schon, wann es das nächste Mal etwas gab. Jedes Mal wurde ich dabei mit gelindem Amüsement beobachtet, aber kein Wort dazu gesagt.

In der ganzen Zeit des Unterrichts sah ich den Mann, dem ich das alles zu verdanken hatte, kaum. Er schien schwer beschäftigt, war selten im Haus und ich war im Grunde auf mich allein gestellt. Gleichaltrige gab es hier zwar, aber mir war verboten mit ihnen zu reden. Sie gehörten der Dienerschaft an und mit ihnen hätte ich keine Pläuschchen zu halten, denn sie wären ja zum Arbeiten da und nicht zu ihrem Vergnügen. Aber waren wir mal ehrlich, wann hätte ich das auch tun sollen. Mein Tag war so voll gestopft mit Unterricht und bald auch noch Termine beim Schneider – wusste das Dunkel wofür.
Die Etikettenschranze wurde alsbald von einem Kerl abgelöst, den ich nicht einzuschätzen vermochte, aber was er mir beibrachte, fand mein uneingeschränktes Interesse.

Höre den Gesprächen in deiner Umgebung zu, sortiere danach, was von Wichtigkeit ist, was oberflächliches Geschwätz ist und was du für dich mitnehmen kannst. Alle Informationen von Wert bringen nicht nur hinreichend Gold in deine Taschen, sondern auch Vorteile, aus denen du einiges schöpfen kannst. Nutze sie auf beiden Seiten, aber lass dich nicht erwischen.

Da war es wieder, dieses „lass dich nicht erwischen“.
Immer ging es darum.

Und halt die Augen offne. Alles was du siehst, kannst du ebenso für dich und deine Zwecke verwenden. Gelegentlich ist nur ein kleiner Ohrring Information genug!

Was genau er damit meinte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber ich nahm mir vor, den Ratschlag zu beherzigen. Es gab noch sehr viel mehr von diesen nützlichen Kniffen und Tricks, die er mir erzählte und beibrachte, er fragte sie auch jeden Tag rigoros noch mal ab. Vor allem aber gefiel mir seine Geduld. Er ließ gewiss keine Unflätigkeiten und Unaufmerksamkeiten zu, aber er fand einen angenehmen Mittelweg wieder auf sich aufmerksam zu machen. Prügel blieben hier sehr selten und gab es nur dann, wenn ich eindeutig viel arg über die Stränge schlug.
Dann kam der Tag, da er mich mitnahm in die Stadt. Ich hatte da nicht mehr zu tun, als mich zu dieser und jener Gruppe zu gesellen und sie entweder zu belauschen, in ein unverfängliches Gespräch zu verwickeln und gut aufzupassen, was sie sagten und mir zu merken, was sie am Leibe trugen, wie sie aussahen, wenn ich sie bekam, auch die Namen dazu.
Das machten wir geschlagene vier Stunden, und dann begann mich Brando – wie er sich nannte – auszufragen, um herauszufinden, was ich mir gemerkt hatte. Ich war mit meiner Leistung an sich sehr zufrieden, er hingegen überhaupt nicht, was mir sagte, dass ich eindeutig zuviel versäumt haben musste.
Tag um Tag wurde es fortgesetzt, bis der Winter hereinbrach und die Straßen leerer wurden, wenn nicht gerade Markttag war.

Erst mit dem ersten Schnee wurde mir bewusst, wie sehr die Zeit verflogen war. Das erste halbe Jahr war herum, vertan, fort, hinter mir. An das Bett hatte ich mich längst gewöhnt, an die heißen Bäder und das Essen ebenso (obwohl ich noch immer schlang wie ein Straßenköter, der Angst hatte am nächsten Tag nichts mehr zu bekommen). Auch der Unterricht war schon zum Alltag geworden, störte mich wenig und ich machte meine Fortschritte.
Immer öfter wurde ich zum Hausherrn gerufen, manchmal wegen kleinerer Botengänge, manchmal, um ihm zu sagen, wie ich ein Schriftstück auffasste, was er erhalten hatte. Irgendwann wurde es sogar zu einem täglich vertrauten Ritual.
Ich begann mich in den Haushalt einzufügen und einzufinden, fand meinen Platz darin und es schien mir nach einer Weile nicht mehr absonderlich, wenn die Dienerschaft mich ständig mit „Junger Herr“ anrief.
Ja, ich musste mir sogar eingestehen, mich allmählich wohl zu fühlen.


Kapitel 3

„Hast du es auch schon gehört?“
„Was denn?“
„Es heißt, der Herzog kommt in die Stadt.“
„Gibt es einen Festzug?“ Aufgeregtes Applaudieren aus der Richtung.
„Was denkst du denn! Natürlich gibt es einen Festzug!“
„Woher willst du das wissen? Du hast ja noch nicht mal gehört, dass er kommt!“
„Es gibt immer einen Festzug, wenn so hohe Herrschaften kommen.“

Ich warf einen Blick um den Pfosten des Marktstandes herum, an dem ich stand und betrachtete die drei.

Der erste Bursche: Hochgeschossen, schlaksig, wässrigblaue Augen, straßenköterblondes Haar, den Kleidern nach ein schlecht bezahlter Knecht, der mehr schuften musste, als er zu essen bekam. Geschätzte achtzehn Sommer hatte er gesehen.
Der zweite Bursche: Klein, fett, haselnussbraune Augen, schwarzes, wie von Motten zerfressenes Haar. Sohn aus etwas besserem Hause. Der Fettleibigkeit und dem Korb mit Süßkram nach zu urteilen, war sein Vater vermutlich Zuckerbäcker. Er mochte vielleicht sechzehn sein.
Das Mädchen: Eindeutig die Schwester von Fetti. Die hatte nämlich genauso ein Mopsgesicht, wie er, die gleichen Schweinsäuglein, aber dafür rotbraunes Haar, zum Zopf geflochten und mit einer lächerlichen Spange hochgesteckt, an dessen Ende ein Kuchenstück aus bemaltem Messing prangte. Zwölf oder dreizehn und jetzt schon ein Pummelchen. Eine feine Silberkette lag um ihren Hals mit einem Anhänger, einem Tropfen aus Bernstein. Es war sogar irgendein Insekt eingeschlossen darin.

„Josseck hat es tatsächlich gemacht, er hat Trall über den Tisch gezogen.“
„Um die ganze Summe, die er angekündigt hat?“
„Ja, die ganzen 2000 Münzen.“
Das war ein Batzen. Mein Blick irrte über den Platz, passierte die beiden Plaudertaschen beiläufig, so dass sie denken mussten, ich suchte nach irgendjemandem.
Erster Kerl: Mittelgroß, graublaue Augen, fieser Blick, verkniffene Züge, abgerissene Kleidung. Dolch, mindestens einer. Barfuss. Nach einem zweiten Blick wusste ich sogar den Namen zu diesem Troll: Sully.
Zweiter Kerl: Klein und gedrungen, blaue Augen, etwas bessere Kleidung (wenngleich auch nicht viel besser, aber immerhin trug er ausgelatschte Schuhe). Zwei Langdolche, eventuell noch mehr verborgene Waffen. Deron.
Die zwei waren meine besten „Freunde“. Beide waren sie etwa Mitte Zwanzig, prügelten auf alles ein, was sich ihnen in den Weg stellte – oder brachten jene gleich ganz um. Gutes hatten sie nie im Sinn und so wie es sich anhörte, heckten sie zusammen mit Josseck schon wieder das nächste krumme Ding aus.

Ich zahlte meine Früchte, die ich am Marktstand erworben hatte brav mit den Münzen, die man mir für den Einkauf mitgegeben hatte. Nein, die waren nicht für mich, sondern für das edle Fräulein, das derzeit im Hause meines Erzeugers residierte für eine Woche.
Ein hübsches junges Ding, etwa in meinem Alter (Vielleicht sollte ich hier erwähnen, dass es mittlerweile Frühling war und ich jetzt sechzehn Sommer zählte und nicht mehr fünfzehn. Zu bedenken gilt auch hier, gerade in diesem Alter war es ja besonders wichtig älter zu werden, bis man mündig wurde, war es noch immer ein weiter Weg!). Da tat man schon mal gerne einen kleinen Gefallen. Besonders dann, wenn man sich gerade in einem Alter befand, in dem man im Allgemeinen als ziemlich hormonblöd galt.
Ich schleppte die Früchte noch bis in die Abendstunden mit mir herum, etwa so lange, bis die ersten Wachhabenden und Laternenanzünder kamen, irgendjemand von denen die Zeit brüllte mit seinem liebsten Sprüchlein: „Liebe Leute lasst euch sagen, die Turmuhre hat die Stunde Zehn geschlagen!“

Erst da machte ich kehrt und nahm den Rückweg zum Herrenhaus. Ich folgte eine ganze Weile lang einem Wachmann gemächlichen Schrittes nach. Bei dem, was sich in der hereinbrechenden Dunkelheit hier herumtrieb, genoss ich lieber zeitweise die Gesellschaft des Büttels. Zu befürchten hatte ich von dem nämlich nichts mehr, seit mein Erzeuger mich bei sich aufgenommen hatte. Mittlerweile war ich sogar bekannt wie ein bunter Hund in der besseren Gesellschaft. Die ganzen Unterrichtseinheiten zahlten sich aus, ich wurde zu Empfängen, Bällen und wusste das Dunkel was eingeladen, allein, zusammen mit meinem Erzeuger oder mit irgendwelchen anderen Leuten, die ich nicht kannte. Aber dazu später mehr.
Nun befand ich mich ja noch auf dem Rückweg ins traute Heim – Glück allein.
Der Büttel bog ab, ich setzte den Weg geradeaus fort und wäre ich nicht mittlerweile derart auf Wachsamkeit, hätte ich eine ziemlich böse Überraschung erlebt. Es war nur ein sehr leises Klickern, als wenn jemand mit dem Stiefelabsatz auf einen einzelnen Kiesel trat und der wegkullerte. Das Geräusch kam von der nächsten größeren Weggabelung, die etwa zehn Schritte vor mir lag. Sofort bog ich nach rechts in die kleine Gasse, die vollständig im Dunklen lag, ab und sah zu, dass ich durch die kleinen Schluchten und Schleichwege der Häuser Land gewann. Es brauchte auch nicht lange, da hörte ich unflätige Flüche und Schritte hinter mir. Ich legte noch einen Zahn zu, huschte wie ein Hase im Zickzackkurs durch die Stadt, bis ich völlig außer Atem das Tor passierte, dass in den Vorhof zum Haus führte. Die Wachen glotzten mich dümmlich an, bis sie die Gestalt sahen, die mir nachstellte und abrupt innehielt.
Sein Problem war, dass er dem Tor zu nahe gekommen war. So schnell habe ich die Wachen noch nie erlebt, wie sie sich dem Kerl an die Fersen hefteten und ihn nur zwanzig Schritte weiter überwältigten. Fast hätte ich gelacht – wenn ich nur nicht so aus der Puste geraten wäre.
Ich überließ den beiden die Arbeit, wusste ich doch, dass ich später ohnehin noch gerufen würde, um zu erklären, was vorgefallen war, und ging erstmal ins Haus, um dem Fräulein ihre Früchte zu bringen, meinem Lehrer die Erkenntnisse des Tages vom Markt zu berichten und in der Küche noch etwas zum Essen zu ergaunern. Das Abendmahl hatte ich nämlich verpasst und mir hing der Magen mittlerweile in den Kniekehlen.


Kapitel 4

„He, hör mal. Wir wussten nicht, dass du zu dem feinen Pinkel gehörst! Komm schon, sein ein Kumpel, Lucien. Lass uns hier raus“, bettelte Schwarte und reckte seine speckige Hand durch die Gitterstäbe.
Tja, was soll ich sagen. Unser Herrenhaus hatte ein kleines Verlies für solche Gäste wie Schwarte und Troll. Ich stand auf der anderen Seite – auf der besseren, will ich anmerken – und betrachtete die zwei Gestalten vor mir. Ich kannte sie beide, nur zu gut sogar, und schwieg. „Soll dein Schaden echt nicht sein! Wir können dir genug zahlen, wirklich!“
Mein Gesichtausdruck musste sich derart verhärtet haben, dass Schwarte etwas Abstand vom Gitter nahm und unsicher zu seinem Kumpel Troll herübersah.
Just in diesem Moment ging die Türe auf und er trat zu mir, sah in die Zelle hinein, die beiden Idioten musternd, die so dumm waren, sich packen zu lassen. Es war schon erheiternd zuzusehen, wie sich die Fassungslosigkeit bei beiden breit machte und sie uns anglotzten, als wären wir eine Art Wunder dieser Welt. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass „er“ niemand anderes war, als mein Vater, der im Übrigen genau den gleichen Blick zur Schau stellte, wie ich. Fast hätte ich gelacht. Das Schweigen dehnte sich für die zwei ins Unerträgliche aus.
„Also, wir wollten deinem Jungen nichts, wirklich! Wir wussten nicht mal, dass er hierher gehört“, stammelte Schwarte von vorn los. „Ehrlich, kommt nie wieder vor!“
Wenigstens war er nicht so blöde, meinem Vater anzubieten die zwei für Geld freizulassen. Dafür trug er eine ganz andere Dummheit in die Weltgeschichte: „Wir tun alles, was Ihr wollt, nur lasst uns wieder hier raus!“ Fehler, böser Fehler. Ich wusste es in dem Moment, als ich zu meinem Vater sah und dieses Lächeln sah. Mit Mühe unterdrückte ich ein Schaudern.
Schwarte und Troll sollte ich nach diesem Abend nicht mehr wieder sehen. Was er mit ihnen besprach, bekam ich ebenso wenig mit, weil er mich hinaus schickte. Seine Gemütsverfassung riet mir lieber Folge zu leisten, anstatt mich darüber zu beschweren meine Neugier nicht befriedigt zu bekommen.

Der Winter wurde mir nicht lang. Scheinbar war mein Erzeuger der Auffassung, ich hatte genug gelernt, um mich auf die Öffentlichkeit loszulassen. Bälle, Empfänge, Tee, Diner, Gesellschaft über Gesellschaft. In den ersten zwei bis drei Wochen fühlte ich mich ausnahmslos deplatziert und unwohl, und mir schwirrte der Kopf von all den Eindrücken. Irgendwann legte es sich und ich fand mich in dem ganzen Gewirr aus Etikette, Intrigen und ähnlichem mehr immer besser zurecht. Das Einzige, was mir ständig zu schaffen machte, waren die Weiber, die mir ewiglich am Arm hingen und auf mich einschwatzten, als wäre ich eine Jagdtrophäe, die Frau unbedingt ergattern musste.
Meinen Vater amüsierte meine stete Klage darüber, eine Hilfe war er mir indes nicht, um eine Lösung für das Problem zu finden. Er war der Ansicht, dass sowohl für mich als auch für ihn nur von Vorteil wäre, riet mir allenfalls an mich auf keine Liaison einzulassen, mir aber all die Interessierten und weniger Interessierten schön warm zu halten, gegebenenfalls sogar dafür zu sorgen, dass das Interesse noch wuchs. Prächtig! Zumal ich davon überhaupt nichts wissen wollte!
Gleichsam wuchs meine Abneigung der besseren Gesellschaft gegenüber. Hier bekam man nichts zu sehen, was man als „natürlich“ bezeichnen würde. Jeder trug seine Fassaden und Masken, jeder war auf seinen eigenen Vorteil bedacht und die eigene Position zu festigen oder gar zu verbessern, die eigene Macht zu mehren.
Die jüngeren Frauen (eigentlich waren sie ja noch Mädchen, so wie ich noch nicht ganz das Erwachsenenalter erreicht hatte) beschäftigten sich nebenbei noch damit eine gute Partie abzubekommen – und mich hielt mal offenkundig für eine, ich mich allerdings überhaupt nicht. Mehr denn je wurde mir bewusst, dass ich nicht hierher gehörte und es auch nicht wollte. Vermutlich musste ich dankbar dafür sein, dass mein Vater mich nicht in irgendeine Hochzeit zwang, wie das in dieser Gesellschaft sonst eher gang und gäbe war.
Was das anging hatte er eher den Plan genau das Gegenteil zu erreichen – mit Erfolg. Mir war nichts lieber als das. Diese Hühner waren mir ein Graus sondergleichen. Natürlich ließ ich die Gören das nicht wissen, sondern blieb distanziert höflich. Zu meinem Verdruss machte mich das noch interessanter für sie (und zur ausnehmend großen Freude meines Vaters).
Immerhin hatten diese ganzen Empfänge, Bälle und das ganze Trara ein Gutes: Ich hatte mich mit einem Burschen, der etwa mein Alter hatte, angefreundet und konnte mich stets darauf verlassen, dass er mich fortzerrte, wenn die Weiber allzu aufdringlich wurden. Jamie war eindeutig meine Rettung und der scheinbar einzige normale Mensch in dieser Riege der außergewöhnlichen Einfältigkeit.

Das Ganze trug nach sich, dass ich auch auf den Markttagen selten unbemerkt durch die Straßen ziehen konnte, um mir die Leute anzusehen, ihnen zuzuhören, etwas herauszufinden oder einfach nur zu entspannen. An fast jeder Ecke begegnete ich einer der Gören im Gefolge der wachsamen Glucken (ihre Mütter), wurde stets aufgehalten, war gezwungen freundliche oberflächliche Gespräche zu führen. Auch hier entpuppte sich Jamie als unendlich große Hilfe, so dass wir bald nur noch zu zweit unterwegs waren.
Da Jamie dem niederen Adel angehörte, kamen wir oftmals sehr zügig aus solchen Situationen heraus, weil diese Schnepfen für ihn nicht viel übrig hatten. Umso mehr kam in mir die Frage auf „Warum dann für mich?“
Jamie amüsierte sich darüber, mir war es grässlich unangenehm. Aber immerhin gewöhnte ich mich auch daran mit der Zeit und lernte Jamie mehr als nur zu schätzen. Man konnte getrost behaupten: Er war mir der erste wahre und echte Freund, den ich bis dahin jemals hatte.
Zumindest glaubte ich das da noch und verlebte mit ihm zusammen eine Zeit voller Flausen, Spaß und Jungenstreiche.
Wie man so schön sagte, wir fingen an gemeinsam die Pferde zu stehlen. Nur eines teilte ich mit ihm nie: Das Wissen darum, wofür ich wirklich in die Gesellschaft geschickt wurde und auch nicht, wer oder was ich wirklich war (oder für was ich mich hielt).


Kapitel 5

„Aaaah! Ogerpisse! Ich bin keine sechs mehr!“ Mit aller Kraft versuchte ich die Hand von meinem Ohr fort zu bekommen, die mir selbiges gnadenlos umdrehte und hinter sich herzog. Die Hand hing an meinem Erzeuger dran, der verflixt übellaunig dreinschaute und mir mit diesem Blick klarzumachen versuchte, dass ich besser die Klappe hielt.
Das wiederum fruchtete nicht sonderlich gut, denn ich fluchte und schimpfte in einer Tour weiter, bis mir wieder einfiel, was ich gelernt hatte und ich dem Gönner allen Leids (und dem Gönner des noch immer guten Essens!) kräftig mit dem Ellenbogen in die Rippen stieß. Weiß das Dunkel, warum er damit nicht gerechnet hatte. Vielleicht war er es zu sehr gewohnt, dass man seine Autorität nicht untergrub.
Was danach folgte, sorgte in der Dienerschaft, die das Gerangel zum Teil mitbekam, für ein scharfes Einatmen und eine regelrechte Flucht durch die Flure. Binnen kürzester Frist waren wir allein, und ich erfuhr auch sehr schnell warum.
Die Faust in meinem Gesicht war mitunter ein Grund dafür – und das war wirklich gut getroffen, musste ich zugeben. Ich hörte meine Nase knirschen und schmeckte Blut. Nur mit Mühe vertrieb ich die Sterne, die ich sah, und holte selbst aus.
Kurz gesagt: Vater und Sohn prügelten sich regelrecht durch die Gänge. Der Grund? Man sollte sich nicht erwischen lassen. Erste Regel beim Unsinn anstellen.

Jamie und ich hatten ein paar Stunden zuvor einer Lady aus gutem Hause einen klitzekleinen Streich gespielt. Zugegeben, nicht den ersten. Aber bei den Vorangegangenen waren wir wenigstens so schlau gewesen uns nicht erwischen zu lassen. Das Ende vom Lied war, Jamie flog im hohen Bogen aus dem Herrenhaus hinaus, und mein Vater übernahm es höchstpersönlich mich am Ohr durch selbiges zu zerren, bis … mir der Geduldsfaden riss und ich das im Alter von mittlerweile zwanzig Sommern nicht mehr mitmachen wollte.

Das Ende vom Lied, Vater und Sohn standen sich irgendwann schnaufend gegenüber – Sohn hatte weit mehr eingesteckt, aber die Wut darüber behandelt zu werden wie ein kleiner Gossenjunge war ungebrochen, Vater war noch immer stinkig auf Sohn und zeigte das auch ganz und gar offen.
„Das… hat sofort ein Ende.“
„Leck mich!“
Unnötig zu erwähnen, wer was sagte, oder?
Ich wischte mit dem Ärmel unter der Nase entlang, und stieß mich von der Wand ab, wandte mich um und wollte gehen, nicht nur auf mein Zimmer, sondern ganz.
„Du bleibst.“ Das war keine Bitte. Ich zögerte einen Moment und ging.

Nun, ich ging nicht ganz, das zumindest nicht. Aber meine Ruhe wollte ich haben. Ich verschanzte mich für drei Tage etwa auf meinem Zimmer. Niemand hinderte mich daran. Der Einzige, der mich zwischenzeitlich mal für eine Stunde in meiner Kammer aufsuchte, war der häusliche Medikus, um sich meine Nase anzusehen und sie zu richten. Die übrigen Blessuren waren kaum der Rede wert.
Danach hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, darüber, ob ich so weiter machen wollte, bisher, ob ich bleiben wollte, ob ich für den Bockmist, den Jamie und ich angezettelt hatten, gerade stehen wollte, und so weiter und so fort.
Natürlich war er zu Recht wütend gewesen. Das konnte und musste ich wohl einsehen. Aber eines stand für mich genauso fest: Ich wollte mich nie wieder so behandeln lassen, wie es meine so genannte Mutter getan hatte. Am vierten Tag ging ich zum gemeinsamen Frühstück, das erste Mal seit dem Vorfall.
Anstatt mich zu setzen, blieb ich am Tisch stehen. Er saß schon da und aß, ließ sich auch nicht stören, als ich dazu trat. Nicht mal ein Blick, gar nichts.
„Es tut mir leid“, die Entschuldigung kam nur quälend schwer über meine Lippen. Zum einen gab es sonst nie etwas zu entschuldigen, es fühlte sich an wie eine Schwäche, die man eingestand und das war kein sonderlich tolles Gefühl, zum anderen schürte sich meine Wut schon wieder, weil er da saß und so tat, als wäre ich gar nicht da.
Erst jetzt hob er die Hand und wies auf den Platz, den ich ganz zu Anfang irgendwann zugewiesen bekommen hatte. Eindeutig die Aufforderung am Frühstück teilzunehmen, wenngleich auch wortlos.
Ich knirschte mit den Zähnen und war versucht direkt wieder zu gehen, entschied mich letztlich aber um und setzte mich. Das Frühstück fiel spärlich aus für mich, allein weil es mir an Appetit fehlte.

Zwei Wochen sollten noch vergehen, in denen er kein einziges Wort mit mir sprach und mich dann in sein Arbeitszimmer zitierte. Das Gespräch, das folgte, hatte nichts mit der Sache an sich zu tun die sich zwischen uns in den Fluren abspielte.
Er wollte nicht darüber reden, es lieber totschweigen. Nun gut, dann sollte es so sein. Es ging stattdessen um eine Angelegenheit, die ich erledigen sollte. Ich tat mich schwer damit, das Ganze ungeklärt stehen zu lassen, schluckte den Brocken aber notgedrungen und konzentrierte mich auf das, was es zu beachten galt.

Vorfälle dieser Art gab es kein weiteres Mal. Zumindest nicht in der Heftigkeit. Dass Streitigkeiten zwischen uns schweigend ausgetragen wurden, dafür umso häufiger.


Kapitel 6

Es war kein halbes Jahr vergangen, da bekamen wir Besuch.
Ein gut betuchtes Paar niederen Landadels, in Begleitung ihrer einzigen gut behüteten Tochter. Meine Begeisterung darüber hielt sich wie stets in Grenzen. Letztlich war es immer das Gleiche. Sie waren außerordentlich freundlich und übertrieben gut gelaunt, alles wirkte gestelzt und gezwungen, wirkliche Begeisterung wollte nicht aufkommen.
Das Mittagsmahl schleppte sich hin wie eine schwer beladene Schnecke und zog eine genauso breite Schleimspur mit sich. Von dem Küken der Familie bekam ich nicht viel mit – was kein Wunder war, sie sagte kaum ein Wort, sah nicht einmal herüber, gar nichts dergleichen. Ein Stockfisch, wenngleich auch ein außerordentlich hübscher.
Da ich sowieso nicht großartig Gefahr lief beachtet zu werden, geschweige denn in ein dümmliches Gespräch verwickelt zu werden, nahm ich mir die Zeit, die Familie näher in Augenschein zu nehmen.
Der erste Blick verriet schon, warum sie sich an meinen Vater hängten: Sie hatten kaum eigene Mittel. Die Kleider waren zwar gut, sauber und gepflegt, aber entsprachen nicht der aktuellen Mode. Das bedeutete, dass sie ihre Stücke, die sie erwarben, auch auftrugen, bis neue Kleider herangeschafft wurden.
Die Edle trug nur dezent und spärlich gesetzten Schmuck. Der Gatte allenfalls seinen Ring. Das Töchterlein – im übrigen musste sie etwa in meinem Alter sein, etwas jünger vielleicht (geschätzte siebzehn oder achtzehn) – hatte kleine unscheinbare Ohrringe aus Perlmutt, eine dazu passende Silberkette mit einem perlmutternen Tropfen, ein Armbändchen, das ähnlich wie die Kette gestaltet war und einen silbernen schmalen Ring am Finger. Alles in allem ein perfektes Ensemble, das sich in das Gesamtbild wunderbar einfügte. Das blasse, ovale Gesicht umrahmt von kastanienbraunen Haaren, die Augen dunkel wie der nächtliche Himmel, fein geschwungene Lippen und eine Stupsnase. Ihre Statur war noch sehr mädchenhaft, noch ein gutes Stück entfernt davon wirklich weiblich zu wirken. Dazu war sie sehr klein geraten, ich schätze sie einen guten Kopf kleiner als mich ein – gut, ich war auch ein langes Elend, dem nicht mehr wirklich viel bis zum zweiten Schritt fehlte. Während ich sie musterte, schwenkte ihr Blick plötzlich herüber. Ich fühlte mich dermaßen ertappt, dass mir die Farbe in die Wangen schoss und ich mich eilig wieder dem Fasan zuwandte. Das leise Aufflackern in den dunklen Augen war mir jedoch nicht entgangen und erfüllte mich mit einem schwer zu erklärenden Unbehagen.
Als der letzte Gang endlich abgeräumt und das Mahl damit beendet war, brachte ich mit eine fadenscheinige Entschuldigung hervor, um mich davon zu machen.
„Sohn, zeig Virginie unseren Garten.“ Wie ich ihn hasste! Dann stutzte ich. Sohn?!
Mein Blick musste die pure Überraschung gezeigt haben, so wie mich alle anstarrten. Mit Mühe fing ich mich wieder und nickte, brachte irgendwie ein „Natürlich Vater“ hervor und umrundete den Tisch, um dem Töchterchen den Arm anzubieten – völlig verkrampft und mich Meilen weit weg wünschend.

Mit einem Jucken zwischen den Schulterblättern – sie starrten mich noch immer an! – führte ich Virginie aus dem Saal heraus zum Garten. Wir hatten ihn gerade betreten, als die Türglocke läutete. Durch die offene Türe hörte ich unseren Diener noch sagen:
„James. Ihr kommt… ungelegen.“ Fand ich überhaupt nicht!
Ich wandte mich um, Virginie mit mir ziehend und sah durch die Halle hinüber zur Eingangstüre.
„Jamie! Wir sind hier! Begleite uns doch in den Garten, wo du doch schon mal da bist!“
Ich fing mir von dem Diener einen tödlichen Blick ein und überging ihn nonchalant. James stromerte direkt auf uns zu, das Grinsen mitten im Gesicht, eine geckenhafte Verbeugung gegenüber der jungen Frau folgte, ein Händeschütteln in meine Richtung.
„Na das freut mich aber. Und wer ist die Schönheit an deiner Seite?“
Ich sah zu ihr hin und verzog die Lippen angestrengt zu einem Lächeln, das hoffentlich nicht allzu fies ausfiel. Sie hatte immerhin den Anstand zu erröten.
„Darf ich dir die Edle Virginie de Aubépine vorstellen?“ stellte ich sie schließlich vor. Ab da war ich abgeschrieben. Nein, nicht etwa von Virginie, die sah mich ständig Hilfe suchend an. Jamie hatte ihr den Arm angeboten, ich ihm ihre Hand überlassen und war zurückgetreten, noch während er sich selber vorstellte und sie mit sich in den Garten hinaus zog und damit begann sie zuzuschwadronieren.
Ich folgte den beiden mit einem Grinsen, das sich gewaschen hatte. Mich amüsierte das ganze königlich. Ich war eine lästige Pflicht los, konnte den beiden hinterher gehen und mich aus dem Gespräch weitestgehend raushalten, beobachten und war es damit auch schon zufrieden. Jamie kümmerte sich aufopferungsvoll, Virginie unglaublich distanziert und ausgesucht höflich. Ihr war es mehr als unangenehm. Eigentlich hätte ich sie aus der peinlichen Situation befreien müssen, ließ mir damit aber noch ein wenig Zeit.
Die nutzte ich dafür, mir Gedanken darüber zu machen, warum ich vorher im Saal „Sohn“ genannt worden war. Noch nie zuvor war das der Fall gewesen und es erfüllte mich mit einigem Unbehagen. Kein gutes Zeichen, wie ich fand. Allerdings kam ich mit meinen Überlegungen auf keinen grünen Zweig.
Mit einem Mal zog Virginie ihre Hand fort und wich zurück, ein von Zorn funkelnder Blick traf meinen Freund und ich fragte mich, was ich gerade während meiner Grübelei verpasst hatte. Jamie hob beide Hände in einer Geste des Friedens und murmelte etwas für mich unverständliches. Ich schätzte, er war mit irgendwas zu weit gegangen. Kurz entschlossen trat ich dazwischen.
„Ich denke, wir sehen uns morgen, Jamie.“ Er nickte bloß und suchte das Weite. Natürlich wusste ich noch immer nicht, was los war, aber ich nahm mir nicht die Zeit ihm nachzusehen, sondern wandte mich der jungen Frau zu. „Alles in Ordnung?“
Sie nickte stumm, aber der Ärger stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. Diskretion war schon immer eine Sache, die mir nicht grundsätzlich leicht fiel. Hier aber fragte ich lieber nicht nach. Ich war mir sicher, dass ich es so dringend gar nicht wissen musste, was der Troll angestellt hatte.
„Dann verratet mir doch, wonach Euch der Sinn steht“, schlug ich vor. Sie wies auf die nahen Bänke in der schattigen Laube, also bot ich ihr den Arm erneut an und führte sie hin, wo sie sich hinsetzte. Ich zog es vor stehen zu bleiben.
„Was führt Euch und Eure Familie denn hierher?“
Die Frage verblüffte sie. Ein unangenehm forschender Blick legte sich auf mich, der mich dazu veranlasste mindestens mal das Gewicht zu verlagern. Ich räusperte mich leise und sah sie nur fragend an.
„Ihr wisst es tatsächlich nicht!“ brachte sie erstaunt heraus. Ihre Wangen röteten sich erneut, sie wirkte einige Momente lang verflixt verloren auf der steinernen Bank, auf der sie saß. „Gibt es denn etwas, was ich wissen sollte?“ hakte ich vorsichtig nach. Ihr Verhalten machte mich nervös.
Gerade als sie antworten wollte, hörten wir Schritte auf dem Kiesweg und sie klappte den Mund zu, ohne eine Silbe von sich gegeben zu haben.
Ihre Eltern, in Begleitung meines Vaters.
„Habt ihr euch schon angefreundet?“ Ihre Mutter, sie klang erwartungsvoll, hoffnungsvoll, fand ich. Ich zog die Augenbrauen zusammen und durchbohrte meinen Vater mit Blicken. Virginie bejahte und sah zu Boden. Ihr war die Situation genauso unangenehm wie mir – mit einem Unterschied. Sie wusste mehr als ich und das machte mich wahnsinnig.
„Wir werden dann nun abreisen, Kind.“ Es folgten die üblichen Floskeln einer überbesorgten Mutter, während der Edle dastand und mich mit Blicken maß, als wäre ich ein Rindvieh auf dem Markt.

Als die Abreise der Eltern Virginies hinter uns lag, das Mädchen von einem Diener auf ihr Zimmer gebracht worden war, fand ich endlich Gelegenheit meinen Vater zur Rede zu stellen.
„Was wird hier eigentlich gespielt? Ich würde gerne meine Karten kennen.“
„Sie wird für etwa fünf Jahre hier leben, ihr euch kennen lernen. In zwei Jahren wird es eine Verlobung geben, in fünf eine Hochzeit. Arrangiert euch.“ Damit ließ er mich stehen, mit offenem Mund und völlig fassungslos. Ich brauchte zu lange, um die herauf kriechende Wut zu bemerken. Als ich ihm dafür an den Hals gehen wollte, war er bereits verschwunden.
„Bastard.“

Ich ahnte, wo er hingegangen war und machte mich daran ihm zu folgen. Auf dem Weg holte ich mein Rapier aus dem Zimmer und stiefelte ihm wutschnaubend nach. Er stand bereits auf dem Übungsplatz im Hof, hielt seine Waffe in der Hand, die Spitze gen Boden abgesenkt.
„Das kannst du vergessen!“ fauchte ich ihn an und ging direkt in den Angriff über.
Er antwortete mit einer gekonnten Parade und für eine Weile sollten wir beide nicht mehr zum Sprechen kommen, Schlag und Gegenschlag, Parade, Finte… es zog sich in einem durch und brachte uns beide außer Atem – und es half mir zumindest die Wut loszuwerden, mich zu beruhigen.
Das Ende vom Lied war letztlich seine Klinge an meinem Hals, während wir beide keuchend voreinander standen und uns anstarrten.
„Mitnichten“, lautete die Antwort, bar jeder Provokation darin. „Es wird Zeit, dass du erwachsen wirst.“
Natürlich wusste ich, wie die Dinge liefen, aber ich hatte bislang angenommen, dass ich dem Ganzen irgendwie außen vor stand und dieser Dreckskerl niemals auf die Idee käme, mich unter irgendwelche Hauben zu stecken, unter die ich nicht passte. Da hatte ich mich aber offenkundig bitter getäuscht.

Dass es letztlich anders kommen sollte, als zu dem Zeitpunkt noch geplant, davon ahnte ich noch viel weniger – aber er wohl genauso wenig. Der Eid sollte niemals geschworen werden.


Kapitel 7

Zwei geschlagene Monate schaffte ich es ihr irgendwie aus dem Weg zu gehen.
Für jedes gemeinsame Essen fand ich eine Ausrede, für Begleitung jedweder Art fand sich jemand anderes – Jamie war mir wirklich ein ausgesprochen guter und praktischer Freund in dieser Hinsicht, und so wie er Virginie verfallen war, wagte ich zu hoffen, dass er es vielleicht sein würde, der die junge Frau letztlich doch noch zugesprochen bekam. Die Hoffnung starb ja bekanntlich zu letzt.
Nachdem ich es also die ganze Zeit über geschafft hatte, ihr nicht zu begegnen, wog ich mich in trügerischer Sicherheit, dass es auch weiterhin gelingen könnte – weit gefehlt, wie ich feststellen musste.
Es war am Abend, ich saß in meinem Zimmer und durchforstete einige alte Pergamente, die ich in der Hausbibliothek gefunden, und die mein Interesse geweckt hatten. Es waren Dokumente über irgendwelche gewichtigen Persönlichkeiten der Stadt, Informationen, Auflistungen über Verhaltensweisen, Gewohnheiten, Dingen, die sie mochten oder hassten und allerlei mehr. Irgendwo dazwischen fand ich auch die Notizen zu ihren Eltern und ihre eigene Person. Die Rolle war noch nicht ganz so vergilbt wie manch andere, aber die Randnotizen und Bemerkungen darauf waren für mich höchst interessant und zugleich Hoffnung vernichtend. Der Plan für die erzwungene Vermählung stand bereits seit meiner Geburt, wenn ich mir die Datierungen so ansah. Dieser alte Fuchs hatte mein Leben verplant, bevor ich überhaupt wusste, dass es ihn noch gab!
Derart vertieft in die Dokumente, bekam ich nicht mit, wie die Türe sich leise öffnete und wieder schloss. Die Pantoffel, die über das Parkett schlurften, machten ebenso wenig Geräusche, nur das Rascheln der Kleider war zu hören – und ich bekam erst mit, dass jemand da war, als ich dieses Kribbeln im Nacken spürte und erschrocken aufsah. Die Pergamente drückte ich unter den restlichen Stapel umgedrehter Papiere und glotzte Virginie an, als käme sie vom Mond. „Zur Hölle!“
„Was lest Ihr denn da?“ – „Nichts von Belang.“
„Es scheint aber interessant zu sein.“ Ich hätte sie töten mögen. Warum mussten Weiber mit einer solchen Neugier gesegnet sein?
„Nicht für eine Frau Eures Formats“, meinte ich dazu unterkühlt. „Was treibt Ihr in meinem Zimmer?“
„Ich komme dem nach, was man von uns erwartet, wozu Ihr ja offenbar nicht in der Lage seid. Kennen lernen nennt sich das Spiel. Wenn Ihr meint, Ihr könntet Euch davor drücken, dann muss ich Euch enttäuschen“, lautete die schnippische Antwort. Das war ein vielversprechender Anfang für eine gelungene Beziehung, die keiner wollte. Also ich zumindest nicht!
„Dann habt Ihr nun meine beste Seite kennen gelernt und könnt ja wieder gehen.“
Mit einem Wisch fegte sie sämtliche Pergamente vom Tisch und stützte sich auf diesem auf. Wutschäumend sah sie mich an, das hübsche Gesicht verkniffen, die Augen wirkten noch dunkler, als sie es ohnehin waren. Ich lehnte mich zurück und konnte nicht anders, ich grinste.
„Ihr werdet Euch Zeit dafür nehmen, sonst sorge ich dafür, dass ich sie bekomme!“
Davon war ich überzeugt.
„Also schön, was will meine Herzensdame denn von mir wissen?“ frotzelte ich los und sah sie unleidlich an. Irgendwie musste ich doch aus dieser Misere herauskommen können!
„Wer Ihr seid, was Ihr seid, was Ihr tut, wo Ihr treibt Ihr Euch rum?“
Eines musste man ihr lassen, sie brachte es auf den Punkt. Aber was sollte ich ihr antworten? Die Wahrheit war so unwahrscheinlich für so ein Püppchen, dass sie es vermutlich nicht einmal ernst nahm. Mal davon abgesehen: Wieso zur Hölle sollte ich ihr die Wahrheit auch sagen? Wer wusste schon, was sie damit anstellte?
„Ich. Eben das. Ebenfalls genau das. Und hier“, konterte ich schließlich nach kurzem Überlegne. „Hat mich gefreut. Dort ist die Tür.“ Anstatt zu gehen, setzte sie sich auf den Tisch, schubste meinen Stuhl – mitsamt mir darauf – mit dem Fuß zurück, um selbst genug Platz zu haben, und lehnte sich in meine Richtung vor.
„Hör mir gut zu, Lucien. Du kannst deine Spiele woanders spielen, aber nicht bei mir. Ich bin nicht dumm. Und an der Nase herumführen wirst du mich auch nicht können, also fangen wir nun an uns kennen zu lernen, sonst lernst du zuerst eine Seite an mir kennen, die dir ganz gewiss nicht gefällt.“
Ich blinzelte und zog den Kopf etwas zurück, so nah wie sie mir bei ihrer Standpauke kam. Beeindruckt zog ich die Augenbrauen hoch. Das war nicht das, was ich von diesem Püppchen erwartet hätte. Sie schien so verhuscht beim ersten Aufeinandertreffen, schüchtern sogar, und mir dämmerte allmählich, dass sie diese Fassette zur Schau trug, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegte. So ein Luder!
„Interessant...“
Hätte ich vielleicht besser nicht gesagt, denn schon im nächsten Moment hatte ich einen wunderschönen roten Handabdruck auf der linken Wange. Im ersten Moment völlig perplex, im nächsten wütend, packte ich sie und warf sie hinaus, verriegelte die Türe hinter sie und ignorierte nachfolgend die Tirade, die sie losließ, und das Getrommel. Nach einer guten halben Stunde kehrte wieder Ruhe ein.
Ich ging in der Zwischenzeit zu einem der Fenster, riss es auf und atmete tief durch.

Die nächsten Tage waren der Horror. Virginie hatte sich in ihren Dickkopf gesetzt keine Gelegenheit auszulassen, um mich aufzusuchen, zu belästigen, ihre Meinung zu Geigen und sonst noch was. Die Krönung all dessen war der Morgen nach dem sechzehnten Tag, als ich die Augen aufschlug und sie vor meinem Bett stand und mich mit grimmiger Miene begrüßte.
Das war der Moment, in dem ich aufgab.
„Na fein, setz dich hin“, brummte ich muffelig. Es musste eine Lösung her, und zwar bis zum morgigen Abend, da dort ein Empfang stattfinden sollte. Wenn wir uns dort aufführten wie die Kratzbürsten, hätten wir nur noch mehr Schwierigkeiten.
Da ich keine Ahnung hatte, wie weit ich ihr überhaupt trauen konnte, erzählte ich ihr nur von der Zeit, seit ich hier im Herrenhaus lebte, ließ aber einige Dinge aus. Vorerst schien sie sich damit zufrieden zu geben und ein wackliger Frieden wurde geschlossen. Ich sollte aber schon bald feststellen, dass sie trotzdem keineswegs bereit war die täglichen Besuche dranzugeben.
Ein kurzes Aufatmen blieb mir dennoch, denn mit dem kleinen Pakt, den wir schlossen, wurde sie weit umgänglicher, und ich musste feststellen, dass ich es tatsächlich mit einem intelligenten Köpfchen zu tun hatte – was nicht unbedingt zu meinem Vorteil war, wenn wir mal ehrlich sein wollten. So jemandem zu verheimlichen, welche Aufgaben man zu bewältigen hatte, war kein Leichtes. Eines war sicher: Ich musste dringend mit meinem Vater darüber sprechen, sonst würde es in einem Desaster enden. Das war nach dem ersten gemeinsamen Frühstück auch mein erstes Ziel. Ich musste ihr zuvor aber hoch und heilig versprechen, sie nach der Unterredung bei einem Ausritt zu begleiten. Wenig elanvoll stimmte ich zu und verzog mich gen Arbeitszimmer meines Vaters.
Ich hatte sogar Glück und traf ihn dort an. Der prüfende Blick seinerseits sorgte wieder einmal für Unbehagen in der Magengegend.
„Sag einfach nichts“, knurrte ich unleidig. „Nur ob ihr zu trauen ist oder nicht.“
„Du kannst dich zu hundert Prozent auf sie verlassen.“
Bastard. Am liebsten hätte ich ihn erneut gefordert. Nur mit Mühe wahrte ich meine Selbstbeherrschung, nickte bloß und ging wieder hinaus. Er hielt mich nicht auf.

Der Empfang war eine Prüfung. Für mich zumindest. Während Virginie sich mit einer Sicherheit bewegte, die ich nur bewundern konnte, bemühte ich mich allenfalls abseits zu bleiben, nicht aufzufallen und bestenfalls als nicht vorhanden wahrgenommen zu werden. Jamie hatte da ganz andere Pläne und versuchte mich ständig mitzuzerren – am liebsten in die unmittelbare Nähe meiner Zukünftigen (wovon er im übrigen noch immer nichts wusste).
Irgendwann war ich das Possenspiel allerdings leid und zog ihn mit hinaus auf den Balkon, um ihm die ganzen Umstände zu erklären.
Im ersten Moment dachte ich, er wollte eine Prügelei vom Zaun brechen, als er die Hände zu Fäusten ballte. Die Miene wirkte versteinert, die Enttäuschung war ihm ins Gesicht geschrieben. Es war nicht so, dass ich seine Zuneigung zu ihr nicht verstand und liebend gern hätte ich ihm den Weg frei gemacht, aber das lag nun mal nicht in meiner Hand. Da er Verstand genug besaß, wusste er darum und nickte letztlich, erbat sich einen Moment allein. Also ging ich hinein und ließ ihn auf dem Balkon zurück.
Kaum durch die Türen getreten, hakte sich jemand bei mir unter. Nach einem kurzen, versichernden Blick erkannte ich sie und atmete tief durch. Ich fühlte mich plötzlich eingesperrt und bekam kaum noch Luft. Sie sah mich besorgt an und führte mich zur großen Flügeltüre hinaus aus den Saal, während so einige Gäste uns hinterher schauten und leise zu tuscheln begannen – wie es auf solchen Empfängen eben immer so war. Die Katze schien schon jetzt aus dem Sack zu sein. Auch mein Vater verfolgte unser tun und sah sich schließlich im Saal um. Das war das Letzte, was ich mitbekam, bevor wir in den Garten hinaus traten und an der gleichen Stelle Platz nahmen, wo sie am ersten Tag ihre Eltern verabschiedet hatte.
„Du siehst miserabel aus.“ Welch freundliche Feststellung. Ich fühlte mich auch so.
„Ich habe James davon erzählt. Er ist wütend.“ Das war nur die halbe Wahrheit, warum es mir so mies ging. Sie nickte und fragte nicht weiter nach, sondern sah den Weg hinauf, den wir hierher genommen hatten.
„Ich fürchte mich genauso davor, wie du.“
Dieses Eingeständnis verblüffte mich. Wieder überraschte Virginie mich. Schon wieder! So sehr ich mich mit Händen und Füßen auch wehrte gegen all das, sie gewann nach und nach meine Achtung und meinen Respekt.


Kapitel 8

Es war einer dieser Nächte, in denen man sich wünschte, besser liegen geblieben zu sein.
Während unter mir die herausgeputzte Gesellschaft feierte und sich die Bäuche mit allerlei Gänsebraten und ähnlichem voll schlug, turnte ich weit über ihren Köpfen im Gebälk herum, und fühlte mich wie ein Äffchen, das einem Zuckerstück nachlief.
Das Zuckerstück war sehr lebendig und saß ebenfalls irgendwo in vollem Ausmaß seiner Fettleibigkeit unter mir und stopfte sich den Wanst voll. Ich hatte mich fast schon auf gleicher Höhe heran gestohlen, etwa gute drei Faden über den Köpfen aller hinweg. Gelegentlich rieselte Staub herunter – auf das köstliche Essen – aber niemand schien es zu bemerken. Diese Leute waren alle in ihrer eigenen grandiosen Welt gefangen, in dessen Mittelpunkt jeder für sich stand.
Mit einem Blick schätzte ich die Entfernung zu den Fenstern und Türen ab, vergewisserte mich erneut, ob niemand herauf sah, da wurde meine Aufmerksamkeit von etwas abgelenkt, das sich fast auf Augenhöhe zu mir befand. Da ich ganz in schwarzen Stoff gekleidet war, selbst der weiße Schopf unter einem schwarzen Tuch steckte und ich derart viel Ruß im Gesicht kleben hatte neben der Maske, war ich noch nicht bemerkt worden.
Als sich die Gestalt umsah, verharrte ich bewegungslos, auch wenn es mir einiges abverlangte, denn die Balken waren nun mal nicht so breit wie ein Gehweg, sondern nur eine Hand breit etwa. Der Blick strich haltlos über mich hinweg und zuckte direkt wieder zurück zu mir.
Wer zur Hölle war das? Und in wessen Auftrag? Die Figur war zu zierlich für einen Kerl. Vermutlich fragte sie – ich behauptete für mich einfach, es war eine Frau – im gleichen Moment dieselben Fragen. Ich zog meine kleine Handarmbrust hervor, der Bolzen war schon eingelegt und gespannt. Mit einem leisen Klick fand sie sich sogar entsichert. Gleichzeitig suchte ich mir einen sicheren Stand, fingerte mit der freien Hand in einem der am Gürtel angebundenen Beutel herum. Mit der Armbrust zielte ich auf die Berufskollegin, die wohl die gleiche Idee hatte wie ich. Irgendwie brachte mich das zum Grinsen für einen Moment. Mir war klar, dass ich lieber um mein Leben bangen sollte, aber das tat ich nicht. Meine Gedanken kreisten eher darum, dass das Stück mir meinen Kontrakt versaute.
Ein Blick hinunter, ich stand richtig und das, was ich aus dem Beutel herausgeholt hatte, ließ ich in die Suppe des Fettwanstes platschen. Irgendwer dort unten schaute auf das Geräusch hin hinüber und mir blieb nichts anderes, als die Luft anzuhalten.

Einen Augenblick zu lange schaute ich hinunter. Der Dicke fraß die Suppe endlich ungerührt weiter, offenbar hatte doch keiner etwas bemerkt. Gerade als ich aufsah, um die Gestalt wieder zu suchen, hockte die auch schon neben mir, einen Dolch an meine Kehle haltend.
„Hölle und Verdammnis, nimm dein Spielzeug weg. Hier ist nicht der richtige Platz für solche Späße“, zischte ich leise und sie wies nur stumm zum Ende des Gebälks, bevor sie mir meine Armbrust entriss. Dreckstück. Mir blieb nichts anderes übrig, als voranzugehen. Nun gut, wollten wir doch mal sehen wie geschickt meine Konkurrentin war.
Ich richtete mich langsam auf, nicht nur des Gleichgewichtes wegen, sondern auch um sie nicht noch mal unnötig aus den Augen zu lassen. Kurz darauf blieb mir aber nichts anderes mehr übrig, wenn ich dorthin gehen sollte, wo sie hingewiesen hatte.
Also drehte ich mich um und lief los. Eilige Schritte über schmalem Gebälk. Das Holz knarrte unter dem Gewicht von uns beiden. Ich hörte sie direkt hinter mir, leise nur, aber ich wusste sie, dass sie da war.
Vielleicht hatte ich das Glück zu oft herausgefordert und ich sollte in dieser Nacht tatsächlich meine letzten Schritte lenken. Noch während wir über den Balken balancierten, knackte es bedrohlich unter meinen Füßen. Ich unterdrückte ein Fluchen und lief noch etwas schneller – was ganz gewiss nicht dazu beitrug mehr Sicherheit zu gewährleisten. Aber dafür war es ohnehin zu spät. Das Knacken hatten sie alle gehört und zwanzig Gäste, nebst dem Bewohner des Hauses, starrten nach oben. Ich hörte, wie sie die Schwerter zogen und irgendwer nach einer Armbrust schrie. Die klackte auch kurz darauf direkt hinter mir und das Geschrei nach einer Schusswaffe erstarb schlagartig. Ich gönnte mir keinen Blick zurück.
Just in diesem Moment knackte das Gehölz unter unseren Füßen noch einmal gefährlich laut und im nächsten Moment brach der Balken unter unserem Gewicht. Ich sprang im letzten Moment ab und griff in die Luft.
Mit einem Ruck bremste mein Sturz hinunter und ließ den Kronleuchter klirren, als ich daran hin und her schwang. Hastig versuchte ich mir einen Überblick zu verschaffen. Meine Konkurrentin hing an einem der Banner und kletterte an diesem hinauf wie eine Spinne die Wand. Wieder ließ ich mich für einen kurzen Moment ablenken, bevor ich mich auf den Kronleuchter hochzog.
In der Zwischenzeit war Fettbacke zusammengebrochen und lag wulstig und unappetitlich angerichtet – wie ein totes Mastschwein – halb auf dem Tisch, halb auf dem Stuhl. Die Frauen kreischten, die Männer fluchten und irgendein vermaledeiter Hausdiener brachte gerade die Armbrust hinein. Zeit zu verschwinden. Ich packte die Stricke, die den Leuchter an dem Haken der Decke hielten und begann ihn hin und her zu schwenken, drehte mich mit ihm soweit, dass ich einem der Fenster näher kam – und sprang.
Der dünne Holzrahmen brach unter dem Schwung und dem Gewicht von mir und die Scheiben (die im Übrigen ein Vermögen gekostet haben mussten) zerbrachen klirrend. Ich selbst viel in die Dunkelheit und hörte nur noch wie ein Bolzen an mir vorbei sirrte. Der Boden war nicht gnädig zu mir. Ich landete zwar auf dem gestutzten Rasen (der ganze Stolz des Fettwanstes), aber die Höhe allein trieb mir die Luft aus den Lungen. Einige Augenblicke blieb ich benommen und nach Atem ringend liegen, als zwei Stiefel in mein Blickfeld gerieten. Mühsam drehte ich mich um, fand mich dann aber auch schon am Arm gepackt und hochgezogen. Irgendwer schubste mich voran. Ich fragte nicht länger, sondern stolperte voran. Erst, als die Benommenheit nachließ, stellte ich fest, dass die Konkurrentin zur Komplizin geworden war. Fragte sich nur für wie lange.
Wir flohen vom Grundstück fort in die Nacht hinein und verzogen uns in die schmalen Gassen des verschlafenen Viertels der Reichen und noch Reicheren, verfolgt von lauten Rufen – Wachen, Gäste, Dienerschaft.
Im letzten Moment packte ich sie fest am Arm und zog sie in eine kleine Sackgasse hinein und machte mich daran dort aufs Dach des benachbarten Hauses zu kommen. Gerade noch rechtzeitig kamen wir beide oben an, als eine Laterne ihr Licht in die kleine Gasse schwenkte.
Ein Trupp Gardisten stand am Ende der vermeintlichen Falle und musste feststellen, dass hier nichts zu holen war. Einer von ihnen ging hinein und stieß die Säcke und Körbe um oder beiseite.
Nach erfolgloser Suche liefen sie fluchend weiter.
Wir gönnten uns eine Verschnaufpause auf dem Dach, verborgen durch einen großen Schornstein und lauschten stumm auf die Geräusche in der Nacht. Es würden noch Stunden vergehen, bis wieder Ruhe einkehrte. Also war genug Zeit für eine Bestandsaufnahme.
„Meine Armbrust.“ Ich hielt meine Hand zur Seite hin und bekam die Waffe in die Hand gedrückt, ohne Bolzen. Schlaues Kind. Einerlei. Das konnte ich verschmerzen.
Meine Kleider waren eingerissen an manchen Stellen durch die Scherben, ansonsten fehlte mir nichts – von den Prellungen mal abgesehen, die sich bestimmt hübsch bunt verfärbten. Ich spürte den Blick meiner Berufsgenossin auf mir ruhen und sah rüber, die Augen zusammengekniffen.
„Wer hat dir den Auftrag gegeben?“
„Der Falke.“
Verdammt. Also der gleiche Auftraggeber. Was war das für ein Spiel?
„Krieg ich jetzt schon ein Kindermädchen an die Seite gestellt von dem Bastard?“
„Sagen wir es so. Er wollte, dass wir uns kennen lernen.“ Zur Hölle! Ich fixierte meine neu gewonnenes Anhängsel scharf und wusste nur zu gut, wen ich dort neben mir sitzen hatte. Die Stimme war unverwechselbar für mich. Dieser alte Bastard. Das hatte er sich schön ausgedacht. Bislang konnte ich schalten und walten, wie ich wollte, nun aber schickte er mir ausgerechnet sie hinterher. Daher wehte also der Wind. Ich hätte ihr genauso gut alles erzählen können an dem Morgen. Vermutlich wusste sie es sowieso.
„Fein.“ Mehr brachte ich nicht mehr heraus. Irgendwo unter uns brach ein Tumult los. Ein vorsichtiger Blick hinunter offenbarte, was dort los war. Die Gardisten waren zurückgekehrt und krempelten nun nicht nur die Gasse um, sondern auch die Häuser im Innern.
„Wir sollten verschwinden“, murmelte ich, stand zugleich auf und lief los, über die Dächer der Stadt gen Eigenheim. Sie folgte auf dem Fuße.
Verflixte Naht. Wie sehr wünschte ich mir in diesem Augenblick, mich eigentlich zu irren, aber ich wusste zu gut, dass das reinste Müßigkeit war.
Wie viele Gesichter mochte sie wohl noch haben?


Kapitel 9

Pflegende Hände waren bestimmt so etwas wie ein Segen.
Bei einem der abenteuerlichen Ausflüge hatte ich mich schwerer verletzt, als ich zunächst bemerkte. Die ganze Aufregung ließ mich die Schmerzen nicht spüren und der dunkle Stoff sog das Blut auf. In dem spärlichen Licht, das ich zur Verfügung gehabt hatte, sah ich es nicht einmal. Erst als ich sicher im Herrenhaus eintraf und ins Licht der Kerzen trat, die die Halle ausleuchteten, spürte ich zuerst ein Ziehen, das kontinuierlich stärker wurde, insbesondere an meiner linken Seite… und danach wurde mir schwarz vor Augen.
Ich wachte auf in meinem Zimmer, auf dem Bett liegend. Trotzdem drehte sich im ersten Moment alles, so dass ich die Augen schnell wieder schloss und einen unwilligen Laut von mir gab. Eine kühle Hand legte sich auf meine Stirn, dann die Wange und verschwand wieder. Ich hörte leises Rascheln von Stoff, hörte wie ein Glas mit irgendwas Flüssigem gefüllt wurde und bekam es kurz darauf auch schon an die Lippen gesetzt.
„Langsam trinken“, lautete der klare Befehl.
Ich hielt mich daran, allein weil mir schon bei den paar Schlücken übel wurde. Noch während ich die Augen aufschlug, versuchte ich mich zu bewegen und bereute es im nächsten Moment bitterlich. Die Übelkeit stieg derart, dass ich schon glaubte mich übergeben zu müssen, da umfing mich wieder die wohltuende Dunkelheit.

Keine Ahnung, wie lange ich vor mich hindämmerte, bevor ich irgendwas wieder klar wahrnahm. Irgendwer war immer da, soviel bekam ich immerhin mit. Mein Verstand wollte mir aber auch, als ich neuerlich aufwachte und die Augen aufschlug nicht erzählen, was genau vorgefallen war, welchen Tag wir hatten, oder was mir fehlte. Die Schmerzen waren noch immer da, aber gedämpft, als hätte mir irgendwer mit irgendeinem Zeug die Sinne benebelt. Bis ich die Decke über mir fixiert bekam, verging eine geraume Weile und ein blasses Oval schob sich schließlich in mein Sichtfeld und sah mich prüfend an.
„Schau an. Und ich dachte schon, du wolltest uns verrecken.“
Ich kniff die Augen zusammen und bemühte mich zu erkennen, wer dort sprach. Die Stimme war bekannt, aber das wunderte mich nicht einmal. Irgendwo in meinen Erinnerungen schwirrte der Gedanke herum, dass ich es bis nach Hause geschafft hatte. Wieder wurde mir ein Glas an die Lippen gesetzt und ein bitteres Gesöff eingeflösst. Ich verschluckte mich und hustete, gefühlt die Hälfte von dem ekelhaftem Gebräu ging daneben. Keine Klage darüber, nur ein Tuch, dass es notdürftig trocknete, das leise Klirren, wenn ein Glas auf einem Tablett abgestellt wurde und leise Schritte. Ich dämmerte erneut ein.

Es waren mittlerweile Tage vergangen, wenn nicht gar schon zwei Wochen. Ich saß das erste Mal auf der Bettkante und wusste mittlerweile, dass sich sowohl die Dienerschaft, als auch Virginie sich um mich gekümmert hatten. Sogar mein Vater sah regelmäßig vorbei und nun war wieder einer der kostbaren Momente, wo er zur Türe hereinkam und sich nach meinem Wohlbefinden erkundigte.
Meine Erinnerungen darüber, was vorgefallen war, lagen noch immer hinter einem Nebel. Das Einzige, was ich wusste, war das, was mir der Medikus versicherte. Die Wunde war mir durch eine scharfe Klinge zugefügt worden, vermutlich ein Rapier. Die Narbe, die bleiben würde, war eine saubere, die man mit Glück irgendwann nicht einmal mehr sehen würde. Es schmerzte noch immer, aber in einem erträglichen Maß. Der Medikus hatte angeraten noch einige Zeit still zu halten. Und das mir, der das Rumliegen und Rumsitzen schon jetzt so leid war, wie nichts Gutes.
Mein Vater verlor kein Wort über die Vorkommnisse, obwohl ich vermutete, dass er bestens im Bilde war. Nur soviel ließ er mich wissen: Der Kontrakt war erfüllt und ich brauchte mir darum keine Gedanken mehr machen.
Im Laufe des Tages kamen auch Jamie und Virginie vorbei, damit ich wenigstens etwas Unterhaltung hatte. Ich für meinen Teil war froh darum, die Zeit nicht mit ihr allein verbringen zu müssen. Nach wie vor war mir die Vorstellung zuviel den Rest des Lebens mit dieser Frau verbringen zu müssen, für die ich nichts empfand, außer einer Sympathie, die allein auf Respekt und Achtung beruhte und nach wie vor nicht darüber hinausging. Jeder Moment allein mit ihr war eine Qual. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Erwartung sie in die ganze Sache legte und traute mich auch nicht zu fragen, aus Angst die Antwort könnte dergestalt ausfallen, wie ich sie nicht hören wollte.

Irgendwann erwischte sie mich doch allein. Ich wagte den ersten Spaziergang durch den eigenen Park und war froh um ein wenig frische Luft, das Knirschen des Kieswegs unter den Stiefeln und dem Rauschen der Blätter droben in den Baumwipfeln. Das Wetter spielte überdies mit, es regnete mal nicht, obwohl der Himmel verhangen war.
Die kurzen Wege strengten mich bereits an, was aber kaum verwunderlich war, immerhin hatte ich gute vier Wochen innerhalb meines Zimmers oder des Herrenhauses verbracht und mich kaum bewegt. Also nahm ich auf eine der Bänke Platz, um auszuruhen. Einzige Zeit später hörte ich leise, sich nähernde Schritte auf dem Kiesweg und sah auf.
Sie setzte sich neben mich und musterte mich eingehend, schließlich wanderte ihr Blick durch den Park.
„Es ist und bleibt ein Arrangement. Machen wir das Beste daraus.“ Mehr sagte sie nicht. Mehr an Worte brauchte es nicht. Sie sah mich an und fing an zu lachen. Die Erleichterung musste mir buchstäblich ins Gesicht geschrieben stehen.
„Manchmal bist du ein miserabler Schauspieler. Ich kann dir so oft ansehen, was in dir vorgeht. Du solltest daran arbeiten“, neckte sie mich direkt. Die Grimasse, die ich schnitt, brachte sie erneut zum Lachen.
Nicht einmal mehr ein Jahr bis zur geplanten Verlobungsfeier.


Kapitel 10

Ich erholte mich wieder, was bei den Bemühungen des Medikus und der Pflege wohl kaum verwunderlich war. Während die ersten Empfänge und Bälle etwas steif verliefen, nicht nur allein der Gesellschaft wegen, ging es aber dennoch von mal zu mal besser.
Bald schon bekam ich neue Aufträge zugeschoben, neue Kontrakte wurden geschlossen und das Leben nahm den üblichen Verlauf. So vergingen zwei Jahre, manche Tage davon waren aufregend, andere zum Sterben öde, aber es blieb kaum Zeit über Kommendes nachzudenken. Dann und wann hatte ich Virginie am Hintern kleben bei dem einen oder anderen Kontrakt. Irgendwann konnte ich sogar voraussagen, wo der Alte sie mitschickte und wo nicht.
Zwei Wochen vor der Feier, an die ich schon längst nicht mehr dachte, bemerkte ich zwei der Diener, die sich anders verhielten als sonst. Der eine war ein gedrungener Kerl, der mich mit Misstrauen erfüllte. Er schien mir link, hinterhältig, einer Natter gleich und ich wollte bei der ersten Begegnung mit ihm schon drauf wetten, dass er Schwierigkeiten machen würde. Das dachte ich nicht zum ersten Mal, obschon ich wusste, dass er bestimmt schon zwanzig Jahre in den Diensten meines Vaters stand.
Der zweite, groß und schlaksig, wirkte auf den ersten Blick unglaublich dümmlich, aber ich wollte mich davon nicht täuschen lassen. Wie oft schon hatte ich erlebt, dass gerade solche Menschen zu denen gehörten, die am gefährlichsten werden konnten?
Mir gefielen die zwei nicht. Schon gar nicht, weil sie die Köpfe ständig zusammensteckten seit Neustem. Der eine nannte sich Raffik, der andere Ruscoll. Ich fragte mich ernstlich, ob meinem Vater klar war, dass hier irgendetwas vor sich ging. Auch Virginie schien den beiden nicht trauen zu wollen. Immerhin waren wir uns darin einer Meinung.

Zwei Wochen später riss mich der Kammermeister aus den Federn und zerrte mich mit ins Ankleidezimmer, noch bevor ich die Augen richtig geöffnet hatte. „Was zum…“
„Ihr müsst Euch ankleiden! Die Verlobung!“ plapperte er aufgeregt vor sich hin und ich war mit einem Schlag hellwach – vor entsetzen. War es tatsächlich schon soweit? Das würde bedeuten, dass die ersten Gäste binnen kürzester Frist eintrafen, dass nicht einmal mehr Zeit bleiben würde Luft zu holen, geschweige denn die Flucht zu ergreifen (was ich eigentlich vor gehabt hatte). „Verdammt!“
„Nicht fluchen! Anziehen!“ Er wies auf einen Haufen bereit gelegter Klamotten und verließ die Ankleide, um vor der Türe Stellung zu beziehen. „Ich warte auf Euch, zehn Minuten! Höchstens! Dann komm ich und übernehme es selbst!“
Das fehlte mir noch, dass dieser Gockel mich anzog! Murrend packte ich die Kleidungsstücke, nachdem ich mir an der Waschschüssel mehrere Hand voll Wasser ins Gesicht geworfen hatte, und zog mich an. Vermaledeit sollten alle sein! Ich war drauf und dran mich gegen dieses Arrangement zu stemmen mit allem was ich aufzubringen wusste! Mein Blick irrte zu einem der Fenster. Ich trat näher heran und sah hinaus. Im Hof wimmelte es vor Wachen, zwei davon sahen zu mir hinauf und grinsten. Sie waren informiert. Dieser alte Fuchs ahnte also, was in mir vor sich ging. Bastard. Ich wandte mich ab und verließ mit grimmiger Miene das Ankleidezimmer und ließ mich von dem Gockel in die Empfangshalle führen. Virginie wartete dort bereits neben meinem Vater und unterhielt sich leise mit ihm. Sie sah aus wie gemalt und dennoch wollte sich meine Laune kein Stück bessern. Ihre Eltern sollten jeden Moment eintreffen, als eine der ersten Gäste des Hauses. Der Blick aus den Feenaugen traf mich kalt und unvorbereitet und meine Miene verfinsterte sich noch mehr, sofern das überhaupt noch möglich war.
„Vater.“
Nur ein Nicken, das Gespräch war verstummt. Virginie sah mich an mit einem Blick dunkelster Vorahnungen. Irgendwas war im Busch, und so wie die Dinge lagen, musste ich selbst herausfinden, was.

So sehr ich die Augen auch offen hielt, es wollte sich nichts auftun, was mir auch nur den kleinsten Hinweis gab. Jeder ging artig seiner Arbeit nach, während die Gäste und die Familie an der Festtafel saßen. Mein Blick irrte nach oben zur Decke, aber da hätte sich niemand einnisten können. Hier gab es kein Gebälk, keine Nische, um darin herum zu klettern.
Das Essen wurde aufgetragen. Ich verzichtete auf die Vorspeisen, genauso wie einige andere auch.
Noch war nichts ausgesprochen, noch war nichts geschehen. Ich stand auf, entschuldigte mich, verließ den Saal. Sollten die Anwesenden glauben, ich müsste mal kurz abtreten. Mein Weg indes führte mich allerdings zur Küche, möglichst ungesehen von den Angestellten. Ich hätte nicht sagen können, warum ich ausgerechnet dorthin ging. Aber irgendwann auf dem Weg von dem Ankleidezimmer zur Halle meinte ich jemanden gehört zu haben, der sagte, die Köchin wäre verschwunden. Es war nur ein Gefühl, dem ich nachging, nicht mehr und nicht weniger.
Als ich dort ankam, warf ich einen flüchtigen Blick hinein und entdeckte Ruscoll dort an den Töpfen – beim Anrichten der weiteren Speisen. Die Küche war üblicherweise nicht sein Bereich. Er hätte bei den Pferden sein sollen, genauso wie Raffik, nicht bei denen, die das Essen vorbereiteten. Ich drückte mich hinter den Vorhang zweier Vorratsschränke in die Nische und sah zu, was der Kerl dort vor mir trieb. Selbst die vorbeieilenden Diener, die die Platten hinaustrugen in den Saal, bemerkten mich dort nicht.
Als Ruscoll den Bratensaft in eine kleine Karaffe schüttete, tat er noch irgendetwas mit hinein. Es platschte einmal. Dabei achtete er darauf, dass er sich gerade allein in der Küche befand. Keinen Moment zu früh und ein Diener kam, nahm ihm das Gefäß ab und trug es hinaus. Ich für meinen Teil fand genug gesehen zu haben, verließ mein Versteck so leise als möglich, und eilte dem Ahnungslosen nach. Ich erwischte ihn kurz vorm Betreten des Saales.
„Lass mich einen Blick drauf werfen“, bat ich freundlichen Tonfalls. Überrascht, aber auch bereitwillig, hielt er mir die Karaffe hin. Nach einem Blick in den Saft, musste ich feststellen, dass nichts Außergewöhnliches zusehen war. Der Geruch verriet meiner Nase ebenso wenig.
„Warte kurz hier“, befahl ich dem jungen Mann, der mich nur verstört anblickte, aber wenigstens gehorchte und vor allem keine überflüssigen Fragen stellte. Man merkte, dass er ebenfalls schon länger in diesem Haushalt arbeitete.
Ich holte einen der Köter heran, die in der Nähe auf einem der gepolsterten Sesseln schlummerten (und irgendwelchen Gästen gehörten), steckte den Fingern in den Bratensaft und hielt es dem Hund vor die Schnauze. Der schleckte den Saft munter ab und ich setzte ihn auf den Boden. Der Diener verfolgte alles schweigend und mit fragenden Blicken, wagte es aber nicht laut auszusprechen, was er wissen wollte.
Ich beobachtete derweil den Köter.
Es brauchte nicht lange und er fing an zu winseln, rannte im Kreis, als wolle er seine eigene Rute fangen, Schaum quoll zwischen den Lefzen hervor, er verdrehte die Augen und fiel um. Noch ein paar Zuckungen folgten, dann trat Stille ein. Zumindest für zwei drei Herzschläge, bis sich der Diener gefasst hatte.
„Damit hab ich nichts zu tun, Herr! Wirklich nicht!“
Ich nickte, was für erneute Verwunderung in dem Gesicht des Dieners sorgte. Natürlich musste er denken, dass man es ihm in die Schuhe schieben wollte. Noch immer schweigend nahm ich ihm die Karaffe ab. Erst dann erhob ich die Stimme:
„Tragt das Essen ab, alles, sofort. Die Getränke ebenso. Ich besorge für die Gäste etwas. Fünf von euch sollen mir in die Küche folgen in einem viertel Maß. Sieh zu! Ah, und sag meinem Vater Bescheid!“ Der Diener sprintete schon fast los in den Saal hinein, um sich um seinen neuen Auftrag zu kümmern. Mit Glück war noch niemand verreckt. Mit Pech wurde das Fest ein Desaster.
Ich wandte mich um zur Küche und stapfte dorthin zurück. Als ich eintrat, sprach mein Blick Bände – nämlich von Mord und Totschlag. Ich donnerte die Karaffe vor Ruscoll auf den Tisch. „Sauf das!“
„Stimmt damit etwas nicht, Herr?“ „Sauf es! Jetzt!“ herrschte ich ihn an und kniff die Augen zusammen.
Sein Blick heftete sich auf die Karaffe, als wäre sie sein persönlicher Feind. Mich verwunderte es gar nicht. Wer mochte schon sein eigenes Gift trinken?
Ich ließ ihn nicht aus den Augen, da ich damit rechnete, dass er mich im nächsten Augenblick angreifen würde, um irgendwie aus der Sache heraus zu kommen. Er sah mich an, blickte auf meine Hände. In der Linken hielt ich meinen Wurfdolch. Erst jetzt merkte ich, dass ich ihn am Griff umklammerte. Bewusst hatte ich ihn nicht gezogen, so sehr war mir die Handlung schon in Fleisch und Blut übergegangen, wenn Gefahr im Verzug war.
Für eine kleine Weile wog er seine Chancen ab, schließlich griff er ergeben zur Karaffe und setzte zum Trinken an. Mir entging nicht, dass er nur so tun wollte, als ob, also drückte ich ihm den Dolch an die Kehle. „Sauf!“ Sein Mienenspiel verriet im ersten Moment Entsetzen, dann wenig später Resignation. Ihm blieb die Wahl zwischen Übel und Übel, und es war ihm klar, das konnte man ihm ansehen. Er schluckte. Ich wartete.
Es brauchte nicht einmal unwesentlich länger, als bei dem verdammten Köter, bis er vor meinen Augen zusammenbrach und elendig verreckte. Er wand sich dafür eine halbe Ewigkeit in Krämpfen, bevor er endlich still da lag, verrenkt und mit Schaum vor dem Mund. Mitleidlos dachte ich noch bei mir, dass der Dolch gewiss die angenehmere Art zu sterben gewesen wäre. Als die ersten Diener eintrafen, starrten sie auf den Toten und machten direkt mit kreideweißem Gesicht kehrt.
Als ich nach einer guten halben Stunde noch immer nicht wieder im Saal eingekehrt war, betrat mein Vater die Küche. „Wo ist Molly?“ fragte ich, während ich das Essen überprüfte – mit weiteren Hunden der Gesellschaft, was anderes war halt gerade nicht zur Verfügung und ich sah nicht ein den Vorkoster zu spielen. Ruscoll lag noch immer mausetot auf dem Boden. Ich hatte ihn nur notdürftig unter den Tisch getreten, damit niemand über ihn stolperte.
„Gute Frage. Was ist passiert?“ hielt er dagegen.
„Erklärt sich das nicht von selbst?“ Ich sah ihn an und bekam gerade noch sein Nicken mit.
„Ich lass nach ihr suchen.“

Wir fanden Molly – unsere Köchin. Sie war eingesperrt im Weinkeller, gebunden und geknebelt. Als wir sie erlösten, stieß sie in vollem Entsetzen hervor, dass es Ruscoll gewesen wäre und er gesagt hätte, er würde die gesamte Gesellschaft zu den Sternen schicken. Weiteres Nachbohren brachte aber sonst nichts Nützliches aus ihr heraus.
Die Gäste entließ mein Vater. In Anbetracht dessen, was vorgefallen war, wollte er kein Risiko eingehen und schickte die Leute nach Hause. Die Verlobung war geplatzt. Welch Wonne für mich, welch Verdruss für das Arrangement. Virginie schien sich genauso wenig daran zu stören, wie ich. Vielleicht aber gab sie es auch nur vor.

Jetzt stellte sich die Frage: Wer hatte diesen Bastard geschickt und warum hatte er es auf die Gesellschaft abgesehen – auf wen davon insbesondere? Das Problem: Ruscoll würde nichts mehr erzählen. Dazu müsste ich erlernen Tote zum Leben zu erwecken, und zu meinem Bedauern fehlte mir dazu jedwede Begabung.
Es blieb nur seinen Kumpan im Auge zu behalten. Raffik.


Buch 3 - Von Missetaten und anderem üblen Geschurke


Kapitel 1

Das Verlobungsfest hatte einen ganzen Mond später stattgefunden. Während unsere Eltern sie verkündeten, sahen Virginie und ich uns an. Ich hatte das Gefühl, dass wir beide versuchten in dem anderen zu lesen, zu ergründen, was für Gedanken da waren. Beide gaben wir aber auch nichts davon Preis, nicht freiwillig.
Während die Gäste applaudierten, wirkten wir eher wie zwei Gefangene, die gerade abgeführt wurden. Von Freude keine Spur. Nur mit Mühe rang ich mir ein Lächeln ab, wenigstens ein kleines. Immerhin waren wir die Protagonisten in diesem schlechten Stück und dieses musste irgendwie den Abend lang noch weitergehen.

Am Ende der Festlichkeit brachte uns einer der Diener in den Westflügel des Herrenhauses. In aller Heimlichkeit hatte mein alter Herr uns da mehrere Räume zusammengelegt und zur Verfügung gestellt. Es wirkte auf mich, als wäre ich schon den Bund eingegangen und nicht bloß eine Verlobung. Erst als sie uns näher gezeigt wurden, war klar, dass wir noch immer getrennte Schlafzimmer haben würden.
Ich konnte nicht sagen, dass ich darum traurig war. Ohnehin gab ich mich den ganzen Abend schon wortkarg und wenig gesellig. Nicht selten brachte mir das missbilligende Blicke ein, so auch jetzt. Mir war nicht danach zu sagen, wie ich diese Geste meines Vaters fand. Virginie schien es aber wissen zu wollen, während ich mich noch fragte, was es sie eigentlich anging. Ich ließ sie stehen und verzog mich auf mein Zimmer. Für meine Begriffe war es genug Trubel gewesen, den wir den Abend über hatten, und mir war nicht nach einer Fortsetzung.
Einige Stunden später hörte ich im Dunkel des Zimmers ein leises Rascheln von Stoff. Die erste Berührung des Bettes, endete in einem Aufkeuchen, als ich zupackte und Seide erwischte. Ich riss daran und hörte das Fluchen einer durchaus vertrauten Stimme, die mich innehalten ließ – zu spät wohl, denn das gesamte Gewicht der Person landete schwer auf mir und ließ mich schnaufen. „Du könntest etwas an deiner Sanftheit üben“, zischte sie und knuffte in meine Seite. Ich schnaubte nur und versuchte sie von mir fort zu schieben, und wenn sie dabei vom Bett fiel, war es mir auch recht. Das nachfolgende Poltern verkündete den Erfolg meines Vorhabens.
„Verschwinde“, murrte ich nur, drehte mich zur Seite, den Rücken in ihre Richtung und zog die Decke über den Kopf. Ich hörte nur ein Ächzen, dann gab das Bett etwas nach, als sie sich draufsetzte. So schnell wollte sie sich wohl nicht vertreiben lassen. Miststück.

Der nächste Morgen gestaltete sich mehr als anstrengend. Ich bekam kaum die Augen auf und nickte sogar am Frühstückstisch ständig wieder ein. Dagegen sah Virginie frisch aus, wie der junge Morgen selbst. Wie ich sie hasste dafür. Die halbe Nacht hatte sie mich hartnäckig vom Schlafen abgehalten, während ich einfach nur den Schlaf der Gerechten oder Ungerechten schlafen wollte. Vier Stunden! Vier Stunden brauchte es, bis sie sich nörgelnd und wütend verzog und ich endlich die Augen schließen konnte!
Neben der Tatsache, dass ich dadurch nur zwei oder drei Stunden Schlaf gefunden hatte, sorgte sie auch noch dafür, dass der unruhig wurde. Nein, sie war nicht noch mal wiedergekommen, um mich erneut zu stören. Die Art, wie sie davor gestört hatte, das war der Grund dafür, dass ich alle Stunde die Augen aufschlug und nun das Gefühl hatte, gar nicht geschlafen zu haben. Und ausgerechnet dieses Miststück saß mir gegenüber, frisch wie der junge Morgen, frühstückte ungerührt, plauderte munter mit meinem Herrn Vater und würdigte mich keines Blickes – über letzteres war ich im übrigen nicht traurig.
Der Tag danach verlief ähnlich. Ich wurde ignoriert, außer in den Momente, die wir allein waren. Da kassierte ich alle Nase lang einen Schlag gegen den Hinterkopf, einen Knuff in die Seite, oder ähnliche „Zärtlichkeiten“ mehr, bis ich davon derart genug hatte, dass ich sie mir packte und in dem großen Teich hinten im Garten versenkte und sie immer wieder zurückstieß, wenn sie versuchte herauszukommen, was natürlich zu Gezeter und Gekeife führte – und dazu, dass mich irgendwer irgendwann packte und fortzerrte und irgendwer anders sich um sie kümmern konnte. Ich war in dem Moment so wütend, dass ich selbst im Nachhinein nicht einmal mehr wusste, wer es war. An die tollen Aufgaben hingegen, die ich dafür aber von meinem Vater aufgebrummt bekam, an die konnte ich mich noch sehr gut erinnern. Servieren auf den herrschaftlichen Empfängen. Buckeldienst – so nannten wir das.


Kapitel 2

Die aufgebrummte Strafarbeit – Servieren – blieb mir erhalten. Virginie und ich gingen uns aus dem Weg, soweit wir konnten. Ansonsten sprachen wir kaum miteinander seit dem Vorfall mit dem Teich. Auch des Nachts blieb mir die Zeit zum Schlafen, wenn ich nicht gerade irgendetwas für irgendwen zu erledigen hatte, dass mir mein Taschengeld aufbesserte, oder meinem Vater und dessen Machenschaften diente. Zeit für eigene Aktivitäten blieb mir keine und mir wurde auch in aller Deutlichkeit klar gemacht, was ich zu erwarten hatte, wenn ich mich nicht fügte – ich würde wieder auf der Straße sitzen oder gar ganz aus dem Weg geräumt werden, bevor ich auch nur Luft holen konnte.
Auf diese Weise verging mehr als nur ein wenig Zeit. Es zog sich so lang dahin, dass ich bald sogar die Verlobung vergaß und mir um andere Dinge Gedanken machte, als das. In der Zwischenzeit geschahen auch noch so einige Dinge, was sowohl meinem Vater, als auch mir Kopfschmerzen bereitete. Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass ihm jemand ans Leben wollte, genauso wie irgendwer stetig versuchte, mir diese Tat in die Schuhe zu schieben, das allerdings mehr schlecht als recht. Mein alter Herr schien genau zu wissen, dass ich derartiges nicht versuchte – woher auch immer er die Erkenntnis nahm, er teilte es mir nicht mit. Genauso wenig wie ich erfuhr, wer dahinter steckte. Auch da hatte er wohl seine Ahnung, zumindest ließen mich einige Andeutungen seinerseits darauf schließen. Nach dem fünften gescheiterten Versuch dieser Unbekannten, fing es an mich gehörig zu wurmen, noch mehr aber, dass mir keine Zeit blieb selber hinterher zu schnüffeln.
Es hinterließ den schalen Beigeschmack, dass mein Vater mir nicht mehr weit genug traute, je mehr sich die Vorfälle häuften. Virginie war fast gar nicht mehr zu sehen in der Zeit. Vielleicht hatte er sie darauf angesetzt mehr herauszufinden.

Es war einer der Empfänge bei der besseren Gesellschaft – oder der, die glaubte besser zu sein, dem ansässigen Adel. Mal wieder durfte ich Buckeldienst verrichten. Dieses Mal war aber auch mein Vater zugegen. Es kam höchst selten vor, dass wir auf den gleichen Festlichkeiten anzutreffen waren und im Normalfall achtete er auch peinlichst darauf, dass es nicht geschah. Was heute anders war, wusste ich nicht, aber das ungute Gefühl in meiner Magengegend riet mir vorsichtig zu sein. Es roch nach jede Menge Ärger.
Vielleicht hätte ich auf dieses Gefühl noch deutlicher hören sollen, denn wie sehr sich das Bewahrheiten sollte, ahnte ich zu Anfang noch gar nicht. Da lief alles noch wie es sollte, es wurde aufgetragen, es wurde gemeinsam gespeist, es wurde gelacht und geschwatzt, es war das übliche Beisammensein mit Klatsch und Tratsch, oberflächlich und nichts sagend. Nach dem Essen wurde abgetragen – auch durch mich – und die Gesellschaft verteilte sich auf die Räumlichkeiten, Balkon, und so weiter. Mein Vater war wenig später ebenfalls verschwunden, ebenso die Hausherrin, die den Empfang gab.
Dumm von mir, dass ich zu nachlässig auf mein mieses Bauchgefühl zu hören. Irgend ein Kerl, ich hielt ihn für einen Angestellten des Haushalts, übergab mir ein Tablett auf dem zwei Getränke und ein Schälchen mit Gebäck standen, und trug mir auf das in den Privatsalon der Hausherrin zu bringen. Es wäre ausdrücklich gewünscht, dass ich das täte. Alles in allem war das nicht ungewöhnlich. Spätestens aber als ich den Salon betrat und meinem Vater gegenüberstand, hätte es mich stutzig machen sollen. Spätestens da hätte ich mir ebenso das Gesicht des Kerls ins Gedächtnis rufen müssen, um festzustellen, dass ich es mir nicht gemerkt hatte. Nichts. Ich servierte, wie gewünscht.
Mein Vater griff aus Höflichkeit ein kleines Gebäckstück und aß es, während die Hausherrin auf ihn einschwatzte. Vermutlich hielt sie es für höchst interessant, was sie ihm da mitteilte.
„Jedenfalls hat Sir Patrick es dem Burschen so richtig gegeben“, plapperte sie vor sich hin, als ich meinen Posten an der Türe bezog, wie man es von mir erwartete. Gerade sah ich zu den beiden hinüber, ob noch irgendwas gewünscht wurde – es mochte eine gefühlte halbe Stunde vergangen sein –, da brach mein Vater zusammen. Kein Laut. Er sackte einfach kraftlos zu Boden. Der spitze Schrei der Herrin hallte durch den Raum, vermutlich ebenso durch den Flur, ich eilte hingegen zu meinem Erzeuger und sah sofort die unnatürlich blauen Lippen, die angeschwollene Zunge, die sich dazwischen vorschob und unterdrückte mit Mühe ein Fluch.
Alle Versuche waren vergebens gewesen und ich konnte mir nun meiner Nachlässigkeit zuschieben, dass mein Vater verreckt war am Gift in dem Gebäckteilchen. Wem man das unterschob, musste ich mir nicht ausrechnen. Ich stand gerade auf und wandte mich um, als die Türe zuflog und die Wachen hinein stürmten. Natürlich hätte ich versuchen können die Flucht anzutreten, aber die gesamte Situation überforderte mich völlig.
Ich hörte kaum, wie die Schnepfe plärrte, ich hätte meinen eigenen Vater umgebracht. Nicht einmal, dass ich grob gepackt und mitgerissen wurde, bekam ich mit. Nur einen flüchtigen Schatten, der uns folgte, den nahm ich wahr.

Zu mir kam ich erst, als der Gestank mir entgegen schlug, der die eindeutige Sprache von Fäkalien sprach, und ich vor einem breiten dunklen Loch stand, in das man mich gerade stoßen wollte. Dass ich noch versuchte mich zur Wehr zu setzen, brachte mir allenfalls noch mehr Prügel ein – die ich auch bis dorthin schon mehrfach kassiert hatte. Wenn ich eine Verhandlung erwartet hatte, so wurde ich gerade eines Besseren belehrt.
Ich schlug in völliger Dunkelheit hart auf dem Steinboden auf und blieb benommen liegen. Der Gestank hier unten war noch bestialischer als oben. Irgendwo in der Nähe hörte ich ein schlurfendes Geräusch, fühlte mich aber nicht in der Lage mich zu regen. Dann spürte ich, wie ich allmählich die Besinnung verlor, so sehr ich auch versuchte mich daran zu klammern wach zu bleiben – diesen Kampf verlor ich ebenso.
Wie viel Zeit verstrich, bis ich weit über mir Schritte vernahm, das wusste ich nicht. Mittlerweile aber war ich wieder ganz bei mir – bei allen Göttern, Dämonen und was es sonst noch gab, das die Menschen anriefen, wenn sie in Not waren. Auch war ich nicht allein hier unten. Irgendwo in einer Ecke kauerte ein verwahrlostes schmutziges Geschöpf. Wie auch immer diese Frau mal ausgesehen haben mochte, jetzt taugte sie in jedem Fall für eine gruselige Geschichte, um die Kinder in den Betten zu halten (es stand zu vermuten, dass es um mich kaum noch besser bestellt war).
Als die Schritte aber näher kamen oben, starrte sie – genauso wie ich – hinauf. In der etwas helleren Öffnung tauchte ein Haarschopf auf, der mir verdächtig bekannt vorkam. „Lucien? Lucien bist du da unten?“ Es war fast nur ein Flüstern.
„Ja.“ Allein das eine Wort kostete mich Mühe. Meine Kehle war derart ausgedörrt, dass ich mich rau und kratzig anhörte und kaum die Kraft aufbrachte, dass ich oben zu hören war.
„Es war deine Mutter, zusammen mit deiner Schwester. Sie haben ihn umbringen lassen. Die haben einen Giftmischer angeheuert, Stanko, der hat das Gebäck versetzt mit irgendwas. Du wirst hier rauskommen. Ich sorg schon dafür.“ Ich kam nicht dazu etwas zu erwidern. Virginie. Im ersten Moment keimte Hoffnung auf. Obschon wir die letzten Wochen, ja sogar Monate kaum miteinander gesprochen hatten, ließ sie mich nicht sitzen. Entweder, weil ihr etwas an mir lag, oder weil sie es für Ganovenehre hielt, oder mochte der Dämon wissen, was für Gründe sie dazu trieben. Schließlich aber senkte ich den Blick und nahm die trostlose, beschissene (ja im wahrsten Sinne des Wortes) Umgebung war. Die guten Klamotten, die ich bei meiner Verhaftung getragen hatte, waren mittlerweile ruiniert und stanken zum Himmel, das Haar war mittlerweile grau, fast schwarz oder braun vor Dreck. Ich fühlte mich elend, hungrig und durstig. Entweder sie beeilte sich, oder ich verreckte.
Das leise Schaben auf der anderen Seite des Lochs, ließ mich zusammenschrecken. Ich hörte es mehr, als dass ich es sah, wie sie zur Kante hinüber kroch, die dort im Finstren lag. Wie tief es dort hinab ging, wusste ich bis dahin noch nicht. Sehen konnte man es ohnehin nicht, weshalb ich mich lieber an der sicheren Felswand in meinem Rücken aufhielt, denn irgendwas sagte mir noch immer, dass ich leben wollte.
Nun, ich sollte erfahren, wie tief es war. Denn das Schlurfen nahm ein jähes Ende. Entfernt hörte ich eine kleine Weile später ein dumpfes Aufschlagen. Zweifellos ein Körper, der auf hartem Untergrund geprallt war. Egal, wie lange ich lauschte, ein weiteres Geräusch drang nicht mehr zu mir herauf… und damit war ich allein.

Irgendwann fiel trockenes, schimmliges Brot nach unten. Daneben landete ein alter gammliger Wasserschlauch mit Brackwasser darin. Es war mir einerlei. Beides. Ich schlang das Brot hinunter, ich soff viel zu schnell alles Wasser aus, was ich bekommen hatte. Da ich schon längere Zeit nichts mehr zu mir genommen hatte, wurde mir direkt speiübel und ich erbrach wieder alles. Von oben hörte ich nur spöttisches Lachen und sich entfernende Schritte.

Jedes Zeitgefühl war verloren. Wie lange ich in dem Loch saß, wusste ich nicht. Aber ich war schlauer geworden. Wenn ich etwas zu essen oder zu trinken bekam, rationierte ich es selbst, aß und trank sehr langsam. Es schmeckte scheußlich, aber selbst das bemerkte ich irgendwann nicht mehr. Virginie kam nicht wieder. Heraus kam ich ebenso wenig, Gesellschaft war nicht zu erwarten, und jede Hoffnung gestorben.
Bis zu dem Tag, als irgendwer ein langes Seil hinabfallen ließ.


Kapitel 3

Ich umklammerte das Seil mit den Fingern und saß wie erstarrt in meiner Nische.
Schritte entfernten sich hastig, die Stille kehrte zurück und ließ mich in teilnahmsloser Schwärze allein zurück. Was sollte ich mit dem Seil anfangen? Es war nicht so, dass das eine Ende oben irgendwo angebunden war, es war zur Gänze ins Loch geworfen worden. Anfangs hielt ich es für bittere Ironie, als wollte irgendwer einen bösen Scherz mit mir treiben. Die Verzweiflung, die damit einherging, drohte mich zu ersticken.
Auch wenn ich mir bewusst war, dass mich hier unten sicher niemand sah oder hörte, schluckte ich den Kloß runter, der schwer in meiner Kehle hockte und mich fast zum Zusammenbruch trieb. Tatsächlich scheuchte ich alle Verzweiflung zurück und band das Seil so gut ich konnte, an einem der Felsen fest, zog daran, indem ich mich dagegen lehnte mit meinem Gewicht, bis ich sicher war, dass es hielt. Erst dann schlang ich es um meine Hüfte, packte es vor und hinter mir, und schob mich dann zum Rand hinüber, wohinter es noch tiefer ins Loch hinab ging. Was anderes blieb mir nicht. Oben gab es nichts, was dem Seil Halt versprach und die Gefahr dort erwischt zu werden, war zu groß, als dass ich diesen Weg als sinnvoll erachtet hätte. Aber wer auch immer mir das Seil ins Loch geschmissen hatte, kannte vielleicht einen Ausweg, der weiter unten lag. Würde sich zeigen, ob es lang genug war, um bis dorthin zu gelangen.
Wenn nicht, war ich verloren, denn die Kraft wieder hinauf zu klettern, würde ich nicht haben. Ich fühlte mich sogar für den Abstieg zu schwach. Die schlechte Verpflegung, die mangelnde Bewegungsfreiheit, die Zeit, die ich nur vor mich hervegetierte, hatte mich in ein wahres Häuflein Elend verwandelt. Schmutzig, stinkend, ausgemergelt, schwach, abgestumpft, hoffnungslos verzweifelt.
Das Seil war es, das mir Hoffnung brachte, die allerdings einen sehr schalen Beigeschmack hatte. Letztlich aber war es ein Versuch wert. Verenden würde ich hier unten letztlich so oder so. Ich konnte mir aussuchen, ob oben oder unten. Der Abstieg war mühsam für mich. Auf einem kleinen Vorsprung, auf dem ich gerade mal aufrecht stehen konnte, musste ich eine Pause einlegen und das gerade mal nach einem gefühlten Viertel einer Stunde. Ich fühlte mich so ausgelaugt, dass ich hätte heulen mögen. Am ganzen Leib zitternd vor Entkräftung, drückte ich mich an die Felswand und versuchte irgendwas zu erkennen. Da war allerdings nichts anderes als die erdrückende Schwärze, die mich ohnehin schon die ganze Zeit umfing.
Als ich mich fähig fühlte, weiter hinab zu steigen, machte ich mich erneut daran. Wie oft ich irgendwo schmerzhaft anstieß, mir etwas aufschürfte und aufkratzte, wusste ich im Nachhinein nicht mehr. Nur dass ich irgendwann auf etwas Weiches und Glitschiges trat, von dem ein bestialischer Verwesungsgestank ausging, das brannte sich ein. Da ich nichts sehen konnte blieb nur die Vermutung auf die Tote getreten zu sein, die vor einiger Zeit oben aus dem Loch heruntergestürzt war, gefunden zu haben.

Kurz danach trat ich auf unebenen Grund und tastete mich mit den Füßen vorsichtig vorwärts. Die Luft hier ganz unten war weit besser, als oben. Frisch. Irgendwoher also musste Luft hereindringen. Woher war mir noch schleierhaft. Aber auch das schürte Hoffnung, so dass es mein Herz kräftig schlagen ließ vor Aufregung. Das Seil war noch ein Stück weit zu gebrauchen, auch wenn das Ende dessen schon arg nah war. Alles in mir sträubte sich dagegen es zurückzulassen, aber mir würde nichts anderes übrig bleiben. Soweit es mir damit möglich war, tastete ich mich in der Dunkelheit voran, erst in die eine Richtung, wo die Luft wieder stickiger wurde, dann in die andere. Wieder stieß ich andauernd irgendwo an, verwünschte im Stillen die ganze Welt und als ich das Seil zurücklassen musste, tastete ich mich schließlich auf allen Vieren voran, bis mich ein Windstoß erfasste, ein leichter nur, aber ließ mich abrupt inne halten. Woher war er gekommen? Ich wartete aufgeregt und ungeduldig. Von Rechts!
Ich änderte meine Richtung und kroch weiter voran. Nichts als karger Fels und loses Geröll. Links und rechts von mir hörte ich dann und wann ein leises Schaben, Kratzen und Fiepen. Ratten! Wo Ratten waren, gab es einen Ausweg! Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht und trieb mich weiter an, obwohl ich mir schon enorm schwindelte und mein Magen vor Übelkeit mächtig rebellierte.
Ein ganz schwacher Schimmer legte sich auf den geschliffenen Felsboden, der trotzdem überall seine Unebenheiten aufwies. Hier und da schnitten mir Muscheln in die Hände, die sich festgesetzt hatten. Dass der Weg abfiel, den ich mir ertastet hatte, wurde mir erst jetzt in dem ganz schwachen Licht bewusst. Hier und dort hatten sich Pfützen gebildet. Es roch nach brackigem Salzwasser. Das Meer? Ganz entfernt noch hörte ich jemanden rufen, eine andere wesentlich hellere Stimme antwortete. Wo zur Hölle war ich gelandet?
Bevor ich allerdings dazu kam, weiter zu kriechen, verließen mich meine Kräfte zur Gänze und ich brach keuchend zusammen. Benommen, schwindelnd und von Übelkeit völlig übermannt, klammerte ich mich an irgendwelche losen Steine und blieb zitternd liegen. Irgendwann trug mich die gnädige Schwärze davon.

Wach wurde ich davon, dass mir kaltes Wasser ins Gesicht klatschte und ich hustend und keuchend gewahr wurde, dass ich Salzwasser geschluckt hatte. Mühsam hob ich den Kopf und kroch widerstrebend von dem matten Licht fort, das durch das steigende Wasser noch schwächer wurde. Mir blieb nichts anderes, als auf den Eintritt der Ebbe warten, um weiterkommen zu können. Immerhin aber blieb mir so die Hoffnung, doch noch entkommen zu können.

Ich erwachte erneut. Wie viel Zeit vergangen war, wusste ich nicht zu sagen. Das Wasser war aber fort und hatte nur feuchten glitschigen Felsboden zurückgelassen. Mühsam kam ich auf die Beine und torkelte langsam voran, immer mit einer Hand an der Felswand abgestützt. Mir tat alles weh, jeder Schritt, jede Bewegung. Eine Bestandsaufnahme verweigerte ich mir selbst. Ich musste aussehen, als hätte jemand versucht mich in der Jauchegrube zu wälzen, abzuschlachten und auszuhungern in einem. Als ich um die nächste Biegung strauchelte, hielt ich keuchend inne. Die plötzliche Helligkeit blendete mich nach den Tagen, wenn nicht gar Wochen der völligen Dunkelheit, und trieb mir die Tränen in die Augen – und nicht nur die. Die Erleichterung über den frischen Wind, der mir durch die verfilzten klebrigen Haare und um die Nase strich, das seichte Wasser zu meinen Füßen, die offene Höhle vor mir. Die Schmugglerboote, die dort lagen und gerade vollgeladen wurden.
Stutzmoment. Ich war mitten im Schmugglernest gelandet. Vom Regen in die Traufe – unter Umständen. Einerlei. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als mein Glück zu versuchen. Allein schwamm ich hier nicht heraus. Hier stehen zu bleiben und zu hoffen, dass mir ein Boot als Fluchtmöglichkeit gelassen wurde, war irrwitzig. Wenn die Flut kam, würde ich jämmerlich ersaufen und das Boot von den Wassermassen am Fels zerdrückt werden, wie eine Nussschale vom Nussknacker.
Als ich die halbe Strecke in die Höhle hinter mich gebracht hatte, und mal wieder eine Pause einlegen musste, bemerkte mich endlich jemand. Drei der Kerle und ein Weib kamen auf mich zu, argwöhnischen Blickes, zwei davon hatten wenigstens den Dolch gezückt, das Weib hielt die Pistole schussbereit – wobei ich mich noch fragte, ob die überhaupt geladen war. Ein Blick in die Gesichter verriet mir, dass ich drei von ihnen kannte. Auch den Anführer der Bagage.
„Simmons…“ Meine Stimme klang wie ein Reibeisen, rau, trocken, krächzend, viel zu lange nicht genutzt und darüber hinaus ärgerlich schwankend.
„Wen hat das Meer uns da denn ans Land gespült, oder hat das Loch dich ausgeschissen?“ feixte der Angesprochene hörbar süffisant. Einer der anderen beiden steckte den Dolch weg, offenbar zu dem Entschluss gekommen, dass ich keine Gefahr darstellte. Stattdessen reichte er mir einen Schlauch. Der Schluck, den ich daraus nahm, brannte wie die Hölle und brachte mich zum Husten und zum Keuchen. Die vier lachten. Die Situation war entschärft, zumindest fürs Erste.
„Schafft die wandelnde Leiche rüber“, wies Simmons an und wenig später fühlte ich mich unter den Armen gepackt und hatte Mühe die Füße schnell genug voreinander zu bringen, als sie mich mitschleiften. Auf einem Berg von Segeltuch ließen sie mich fallen, wo ich erst einmal erschöpft und keuchend liegen blieb, nach wie vor ohne Plan, wie ich diese Ganoven davon überzeugen konnte, dass sie mir unbedingt helfen mussten.


Kapitel 4

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich nicht mehr in der Grotte.
Es schwankte verdächtig unter mir, ich hörte Holz knarren, und es roch nach Teer, Schweiß, abgestandener verbrauchter Luft, kaltem Rauch und schalem Alkohol. Mir wurde übel davon und obschon ich nichts im Magen hatte, rollte ich mich zur Seite und wollte mich übergeben. Der Aufprall, als ich aus der Hängematte heraus fiel, hinderte mich allerdings daran und ließ mich nur unartikuliert aufstöhnen.
„Ogerpisse. Was machst du da, Mann?“ fluchte eine weibliche Stimme neben mir. Ich fühlte mich viel zu benommen, um aufzuschauen. Irgendwer packte mich und schleifte mich hinauf an Deck. Dass man mit mir zimperlich und behutsam umging, konnte ich nicht gerade behaupten, aber es war auch nicht so, als hätte ich etwas anderes als das erwartet. Ich wurde an die Reling gehievt, und als wäre es mein Stichwort gewesen begann ich unmittelbar die Fische zu füttern.
Als die Benommenheit nachließ, stellte ich fest, dass wir an Ort und Stelle verweilten. Wir lagen also vor Anker. Ein Blick gen Osten erzählte mir, dass wir ein gutes Stück außerhalb lagen. Es war mittlerweile Tag. Um genau zu sein der erste Tag seit Wochen, den ich miterleben durfte. Keine Dunkelheit. Es schmerzte etwas in den empfindlich gewordenen Augen, so dass ich öfter blinzeln musste. Aber es ließ mich einmal tiefer durchatmen.
„Hast was vermisst, he?“ Erneut blinzelte ich und sah zur Seite. Das Weib, dem ich schon in der Grotte begegnet war, stand neben mir und beobachtete mich, als würde ich im nächsten Moment das teuerste Silberbesteck einstecken und damit in meinem Wimpernschlag verschwunden sein. Erst jetzt ging mir auf, dass sie mir keineswegs unbekannt war. So wie sie dreinschaute, verhielt es sich bei ihr sehr ähnlich.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal froh bin, deine Visage zu sehen, in der Tat“, krächzte ich raus, was mir schallendes Gelächter einbrachte – nicht nur von meiner Bewacherin, sondern auch von jemandem hinter mir, der sich gerade mit langen Schritten näherte.
„Von den Toten aufgewacht! Einen Eimer Wasser her“, brüllte er los. Simmons. Und bevor ich protestieren konnte, wurde der Eimer auch schon über mich ausgegossen. „Du stinkst wie eine Jauchegrube kaum schlimmer stinken könnte. Selbst ein Troll riecht nach Rosenwasser dagegen!“
Irgendwer schleppte noch einige Wassereimer mehr heran und noch jemand drückte mir ein Stück Talgseife in die Hand. Die roch bestimmt auch nicht nach Rosenwasser, aber sie sorgte dafür, mitsamt der Wurzelbürste, dass ich wieder sauber wurde und einige Zeit später rot gescheuert wie ein Schwein splitterfasernackt an Deck stand. „Schau an, der Weißschopf!“ brüllte es von oben aus der Rahe. Ich sah hinauf und runzelte angestrengt die Stirn. „Jamie? Zur Hölle, was machst du hier?“ Die Wochen, die ich im Loch gesessen hatte, mussten die Welt ordentlich aus den Fugen gerissen haben. Soviel stand fest. Ein Bengel drückte mir einige Klamotten in die Hand, die nicht so verlumpt und verdreckt waren, wie meine alten, einstmals sehr teuren und edleren Stoffe. Ich zog mir rasch die einfache Leinenhose und das Leinenhemd über. Wenigstens war es nicht so verlottert kalt, so dass ich vorerst auf Schuhwerk auch verzichten konnte. Auf dem Schiff machte das ohnehin Sinn.

Später erfuhr ich, dass die ganze Stadt in Aufruhr geraten war, nach dem Abend an dem mein Vater ermordet worden war. Selbst der Adel war nicht davon verschont geblieben. Seither hatte Jamie auf dem Schiff zuflucht gefunden und hielt sich hier versteckt. Von Virginie hatte er nichts gehört oder gesehen.
Das Essen, was man mir vorsetzte, schmeckte mir so gut, wie ein üppiges Festmahl, obschon es sich nur fader Haferschleim und ein Humpen dünnes Bier war. Ich aß langsam, um mich nicht gleich wieder übergeben zu müssen, und immerhin fühlte ich mich wieder wie ein Mensch und nicht wie ein wandelnder Klumpen Dreck. Noch etwas schwach auf den Beinen, aber ansonsten ging es mir einigermaßen gut. In der Zwischenzeit ließ ich mir alle Neuigkeiten erzählen, sowohl von Jamie, als auch von Simmons und diesem Weib, das sich Holly nannte. Sie war ein wenig bärbeißig, aber ansonsten eine gute Seele, wie mir schien. Alles in allem entwickelte sich das Ganze recht positiv, so dass ich Hoffnung schöpfte, doch noch mit heiler Haut fort zu kommen.
„Sie halten dich für Tod mittlerweile. Solltest dich nicht blicken lassen da. Sonst setzen sie ein Kopfgeld auf dich aus, das steht mal fest. Und dann landest wieder im Loch.“
„Ich muss an mein Gespartes kommen. Bleibt mir nix übrig, als einmal durch die Stadt hindurch zu müssen, um dran zu kommen“, erklärte ich nach einer Weile und heftete den Blick auf Simmons. „Gesetz den Fall es gelingt mir, setz ich das gesamte Ersparte auf eine Fahrt von hier fort.“
Der nickte und grinste mich feixend an. So wie es aussah, hatte er mich verstanden. Mein Blick irrte zu Jamie, der mich schon erwartungsvoll anstarrte. „Ja, ich kann deine Hilfe brauchen.“

Es verging noch gut eine Woche, bis ich mich soweit wieder beisammen fühlte, dass ich aufbrechen wollte, um die spärlichen Habseligkeiten zu holen, die ich noch besaß. Dass ich ins Haus meines Erzeugers hineinkam, wagte ich indes zu bezweifeln, aber versuchen wollte ich es wenigstens. Jamie würde mir zur Hand gehen. Auch Holly half. Sie besorgte alles, was ich brauchte, bevor ich überhaupt aufbrechen konnte. Das weiße Haar wurde schwarz gefärbt, der Bart gestutzt, der im Loch gewuchert war wie Unkraut, und bekam die gleiche Farbe ab, wie mein Schopf. Die Sommersprossen wurden gründlich abgedeckt von Holly, während ich in eine Spiegelscherbe schielte und mir schwor zu merken, wie sie es anstellte. Die Überfahrt später würde genug Gelegenheit geben um das Handwerk noch etwas besser zu erlernen. Wenn ich schon eine Frau damit belästigen konnte, sollte ich es wohl auch einfach wagen.
Sie steckten mich in dunklere Kleidung hinein, hilfreicher als die hellen Klamotten, die ich bei meiner Ankunft verpasst bekommen hatte. Holly borgte mir sogar ihren Dolch aus. Die Waffe war zwar nur unzulänglich, aber besser als gar nichts. Und genau so machte ich mich schließlich auf den Weg. Auch Jamie hatte sich zurecht gemacht und seinen Schopf unter einer Mütze verborgen. Im Grunde kam er sowieso nur mit, um zu schauen, dass wir beide mit heiler Haut zurückkamen. Ein größeres Risiko wollten wir beide nicht eingehen. Die Wochen im Loch hatten mir gereicht. Nach einer Wiederholung sehnte ich mich wahrlich nicht.


Kapitel 5

Wir drückten uns an der Mauer entlang, die das Herrenhaus umgab. Natürlich wussten wir, wo die Wachposten standen. Es gab einen Seiteneingang wo nur patrouilliert jede volle und halbe Stunde. Als die Wachposten vorbeigezogen waren, huschten wir durch die Türe hinein und liefen eilig über die freie Grasfläche. Das war der einzig knifflige Moment. Es brauchte nur zufällig jemand den Platz zu überqueren und würde uns sehen, da die Fläche keinerlei Deckung bot.
Als wir das Haus erreichten, schlug uns das Herz bis zum Hals und mein Atem rasselte leicht. Ich war es nicht mehr gewohnt, und musste mir verbittert eingestehen, dass ich im Loch arg abgebaut hatte. Ein Blick gen Jamie verriet mir, dass es ihm nicht entgangen war. Ein weiterer und er tat so, als hätte er nichts bemerkt. Mit einem leisen Brummen liefen wir eilig die Wand entlang hinüber zum Dienstboteneingang, der in die Küche führte. Mit etwas Glück trafen wir auf eines der damaligen Küchenmädchen, mit denen wir uns gut gestellt hatten früher.
Erst beim dritten Versuch bekam ich die Tür schließlich auf und wir schlüpften in die Dunkelheit dahinter. Gerade erst war sie zurück ins Schloss gezogen, da hörten wir draußen Schritte vorbeiziehen. Wir standen da wie versteinert und starrten uns entsetzt an, wobei mir dann plötzlich dämmerte, dass ich solche Situationen so oft erlebt hatte, dass es mich nicht mehr entsetzen dürfte. Was zur Hölle hatte das Loch aus mir gemacht?
Ich winkte Jamie mit mir und wir stahlen uns still und leise durch die Korridore bis zur Küche, wo wir uns hinter einem der Vorhänge zu den Vorratsschränken verbargen. Geduld, nicht eben meine Stärke. Ich schätzte, wenn Jamie nicht unmittelbar dabei gestanden hätte, wäre es mir weit schwerer gefallen mich zusammen zu reißen und still zu halten.
Irgendwann wurden wir allerdings belohnt dafür, denn Almuth rannte an dem Vorhang vorbei. Jamie reagierte so schnell, dass ich mich selbst erschreckte. Er packte das Mädchen mit der einen Hand am Arm, die andere presste er auf ihren Mund. Sie gab ein Quieken von sich, während sie mich entsetzt anstarrte.
„Leise, Almuth“, flüsterte ich. Ich hörte selbst, wie aufgeregt ich klang. Himmel, ich musste meine Nerven unter Kontrolle bekommen! Schlimmer als ein Anfänger. Die Augen des Mädchens weiteten sich überrascht und sie kämpfte sich aus dem Griff von Jamie los.
„Was bei allen Niederhöllen macht Ihr hier!? Ich dachte, Ihr seid…“ flüsterte sie erstickt und unterbrach sich selbst entsetzt.
„Tot? Ja, gut, wenn es alle glauben. Ich brauche einige Dinge, schnell wenn es geht.“ Rasch zählte ich ihr auf, was ich benötigte, und wo sie es fand. Es waren allenfalls Kleinigkeiten, die sie ohne Mühe in ihrer Schürze würde verstecken können. Die gute Seele lief sofort los und wartete nicht lange. Offenbar konnte sie sich ausrechnen, was es bedeutete, wenn uns irgendwer hier erwischte. Das Warten wurde zu einer Zerreißprobe. Nicht nur einmal kam jemand an unserem Versteck vorbei, teilweise viel zu nahe. Jeder davon wäre eine Gefahr gewesen, hätten sie uns entdeckt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte Almuth zurück und drückte mir einen kleinen Beutel in die Hand, den sie aus der Schürze fischte, und Jamie und ich verließen fluchtartig das Haus, nachdem wir ihr noch das Beste gewünscht hatten und ihr anrieten darüber Stillschweigen zu bewahren, uns gesehen zu haben. Ihr Blick verriet in aller Deutlichkeit, dass sie nicht vor hatte irgendwas zu erzählen und sich damit selbst in Schwierigkeiten zu bringen.

Wir hatten das Herrenhaus schon seit einer guten Weile hinter uns gelassen und liefen gerade einige Seitengassen entlang zum Stadtrand hinüber. Ich wollte die alte Hütte aufsuchen und sehen, ob das Versteck noch unangetastet war. Da ich nicht vorhatte zurückzukehren, konnte Jamie ruhig wissen, wo ich meine kleinen Schätze versteckt hielt. Abgesehen davon gehörte er zu den wenigen, denen ich tatsächlich so etwas wie Vertrauen entgegen brachte.
Die ganze Zeit über, den ganzen Weg dorthin, fühlte ich mich beobachtet, und auch Jamie wirkte auf mich unruhig. Entdecken konnten wir aber niemanden. Tatsächlich kehrten wir auch unbehelligt von dort zurück zum Schiff. Ich fragte mich im Stillen, ob es vielleicht Virginie war, die uns folgte. Das Gefühl verließ mich erst, kurz bevor wir den Hafen erreichten.
Während Jamie schon die Planke hinauflief, blieb ich noch auf dem Kai stehen und sah zurück zur Stadt. Unter dem Arm nur ein spärliches Bündel an Klamotten – die meisten Kleidungsstücke waren zu klein geworden, um sie noch zu tragen und ich hatte sie zurückgelassen. Von den Ersparnissen hatte ich in der Hütte noch eine gute Hand voll Münzen und ein paar Edelsteine abgezweigt. Den Rest würde ich Simmons für die Überfahrt vermachen.
Nur einen Moment tauchte auf einem der Dächer eine schlanke kleine Gestalt auf und hob den Arm, dann war sie wieder verschwunden. Ich blinzelte einige Male. Ein wenig irritierte mich die Tatsache, dass die Beschaffung der spärlichen Habseligkeiten so problemlos verlaufen war. Irgendetwas sagte mir, dass das nicht an Jamies und meinem Geschick gelegen haben konnte. Nicht allein zumindest. Erst als Holly rief, ich sollte gefälligst meinen Arsch heraufbewegen, weil es los gehen sollte, sputete ich mich die Planke hinauf zu kommen und nicht viel später spannten sich die Segel, als der Wind sich darin verfing und die Stadt wurde unter meinen Blicken zunehmend kleiner, bis sie ganz verschwand.


Kapitel 6

„Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
Der eiskalten Winde. raues Gesicht.
Wir sind schon der Meere, so viele gezogen
Und dennoch sank unsre Fahne nicht.
Heio, heio, heio....

Unser Schiff gleitet stolz durch die schäumenden Wellen.
Es strafft der Wind unsre Segel mit Macht.
Seht ihr hoch droben die Fahne sich wenden,
Die blutrote Fahne, Ihr Seeleut’ habt acht!
Heio, heio, heio.....

Wir treiben die Beute mit fliegenden Segeln,
Wir jagen sie weit auf das endlose Meer.
Wir stürzen auf Deck und wir kämpfen wie Löwen,
Hei unser der Sieg, viel Feinde, viel Ehr!
Heio, heio, heio.....

Ja, wir sind Piraten und fahren zu Meere
Und fürchten nicht Tod und Teufel dazu!
Wir lachen der Feinde und aller Gefahren,
Im Grunde des Meeres erst finden wir Ruh!
Heio, heio, heio.....“


Tag ein, Tag aus, nichts als blau. Blau oben, blau unten, manchmal grau oben, grau unten. Mal ruhig auf dem Wasser, mal mit Wellengang, der mir ungeahnte Übelkeit bereiten konnte. Tag ein, Tag aus, Deckschrubben, irgendetwas flicken, Rahen rauf, Rahen runter. Wache am Tag und Wache in der Nacht, eine Woche gar nichts, dann wieder von vorn. Ich war müde. Das Gold würde nicht reichen, wenn ich nicht mit Hand anlegte. Die Arbeit störte mich nicht, sie vertrieb die Zeit, die sehr lang wurde mittlerweile. Dieses Leben war nichts für mich, was ich Tag um Tag aufs Neue feststellte. Ich wollte an Land, irgendwo, wo war mir egal. Weit weg nur von der Stadt, von dem Land, von der Heimat entfernt.
Das Wort Heimat löste nur ein dumpfes Gefühl aus, einem flauen Magen gleich. Es war nicht das, was viele als Heimweh bezeichneten. Sicher vermisste ich die Annehmlichkeiten, die ich mal hatte, aber das lag auch schon so weit zurück, dank des Aufenthalts im Loch, dass ich mich nur schwerlich daran erinnerte.
„Träum nicht!“ blaffte Simmons mich an. Ich blinzelte und machte mich einige Momente später dran zum Krähennest hinauf zu klettern, wo ich Jöns ablösen sollte. Der Vorteil an dieser Höhe war, nicht jeder kam hier herauf, und dazu kam, dass ich hier mit mir und meinen Gedanken allein war und meine Ruhe hatte. Das Einzige, was mir nur nicht passieren sollte hier oben, war zu sehr rumzuträumen dabei. Das so genannte Nest war nicht mehr, als eine hölzerne Plattform mit einem Seil, dass ich mir um den Leib schlang. Das Einzige, woran man sich bei Seegang sonst festhalten konnte, war ein Stück Eisen, das in den Mast geschlagen worden war, der sich mittig von der eher kleinen Plattform befand.
Ich setzte mich an die Kante und ließ die Beine hinabbaumeln, lehnte mich mit dem Rücken an den Mast und starrte zum Horizont rüber.
Aus dem kleinen zerschlissenen Beutel, den ich an der Kordel, die die labberige Hose an Ort und Stelle hielt, befestigt hatte, holte ich mir ein Stück trockenes Brot und etwas Trockenfleisch heraus und machte mich über mein kleine stibitzte Mahlzeit her. Mittlerweile wurde sowohl das Essen, als auch das Wasser rationiert. Es wurde Zeit, dass irgendwo Land in Sicht kam. Auch die Laune der Besatzung ging allmählich in sämtliche Untiefen tauchen.
Von den Rationen bewahrte ich mir meist einen kümmerlichen kleinen Rest auf für später, so wie den, den ich nun hinein schlang.
Plötzlich hörte ich das Kreischen zweier Möwen über mir, die träge dort ihre Kreise zogen. Ich sprang auf die Beine und sah hinauf, träge in die Sonne blinzelnd, nur um schließlich den Blick aufmerksam schweifen zu lassen. Wo Möwen waren, war auch Land nicht fern – so hieß es jedenfalls. Hölle und Verdammnis, wie sehr ich hoffte, dass es stimmte.

Es sollte noch einen halben Tag dauern, bis sich am Horizont ein dunkler Streifen absetzte. Ich war mittlerweile mal wieder am Deck schrubben beschäftigt, hielt aber inne, als der Ruf von oben „Land in Sicht“ versprach. Die gesamte Besatzung war darauf aufmerksam geworden und starrte in die Richtung, in die der Kerl oben auf der Plattform zeigte. Eine kleine Weile lang legte sich eine gespenstische Stille über das gesamte Schiff. Fünf Herzschläge später brach Jubel aus und die schlechte Laune, die Anfeindungen, die angedrohten Prügel waren vergessen.
Irgendwoher hatte der Smutje sogar noch ein Fass Rum heraufgeholt und verteilte an jeden noch einen ganzen Humpen voll davon.
„Tja, hast es bald geschafft, Lulatsch.“ Simmons. Wie immer tauchte er so plötzlich auf, wie er wieder verschwand. Dass so etwas auch auf einem Schiff gelang, hatte er in den letzten drei Monden immer wieder bewiesen. Ich hasste es, wenn er mich so nannte, und er wusste es. Trotzdem bemühte ich mich, es mir nicht anmerken zu lassen. „Und wo landen wir an?“ fragte ich möglichst gelassen.
„Bajard heißt das Nest. Von dort siehst selbst zu, wie du weiterkommst. Hab ich nichts mehr mit zu schaffen. Deine paar Kröten geben nicht mehr her und ich hab keine Lust noch ein Maul weiter mitzustopfen.“
Ich zuckte mit den Schultern. Es war nicht so, dass ich traurig darum war, den Kerl loszuwerden. Um einige in der Mannschaft war es bedauerlich, aber so war das halt. Die Leute kamen und gingen. So auch ich.
„Danke für alles“, meinte ich bloß, nicht sonderlich überschwänglich. Ich hatte mir den Rücken krumm geschuftet für diesen Kerl und sein Schiff. Gut, er hatte mir dafür den Arsch gerettet, was bei Licht besehen weit mehr wert war, aber ich fand ihm nichts schuldig geblieben zu sein. Simmons nickte nur und verschwand wieder gen Achterdeck. „Wirst mir fehlen.“ Meine Lieblingswächterin. Seit sie mich in der Grotte aufgegabelt hatten, war sie mir nicht mehr von der Seite gewichen, bis das Vertrauen soweit gefasst war auf See, dass man sich nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen gedachte. Ihr hatte ich es wohl auch mitunter zu verdanken, wieder zu Kräften gekommen zu sein. Keine Ahnung, wie sie es angestellt hatte, dass ich bestimmt die doppelte Menge an Rationen bekommen hatte anfangs, als die übrigen.
„Mh“, gab ich nur von mir. Ich war mir nicht schlüssig, vielleicht hätte ich selbiges erwidern sollen, aber im Augenblick war ich einfach nur froh diesem Kahn entkommen zu können, genauso den Leuten darauf. Mir fiel nicht zum ersten Mal seit der ganzen Fahrt, mit einigen Häfen, in denen wir Halt gemacht hatten, dass ich es zwar eine Zeit lang gern genoss viele Leute um mich zu haben, aber die Momente, in denen ich für mich sein konnte, waren mir auf so einem Schiff deutlich zu rar angesiedelt. Hier war man nie allein. Nichts für mich.
Mir fiel auch noch etwas auf, wofür ich sie schätzte nämlich. Sie sah mich nur einen Moment lang an, und schien zu verstehen, auch ohne Worte darüber zu verlieren.

Erst mitten in der Nacht legte das Schiff endlich an, und als ich festen Boden unter den Füßen spürte, wurde mir fast schlecht davon, weil mir tatsächlich das leichte schwanken fehlte. Landkrank. Sollte ja nicht selten vorkommen, wenn man lange auf See war. Ich nahm meine paar Habseligkeiten, die paar Münzen, die mir geblieben waren. Der Abschied fiel recht kurz aus, wenig herzlich und nun ja, was sollte ich sagen? Es war der letzte Blick auf ein altes Leben, das ich damit hinter mich ließ. Blieb zu hoffen, dass das Neue besser wurde.



Wenn der Frost Einzug hält
Ein neuer Abschnitt
Feuer, Erde und irgendwas dazwischen
Dramalektüre, die Erste